Vorstellung Christian

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08.05.2016 15:38
#51 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Man, man. Ein Glückskind bist Du aber nicht.Das mit Deiner Mutter kann ich nach vollziehen, schrecklich so einen Verfall mit an zu sehen...

Von der Entlarvung des Scheinwissens ausgehend gelangt Platon in den mittleren Dialogen zu einer Dialektik, die sich als diskursive Methode mit der Erkenntnis an sich befasst.

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09.05.2016 12:12
avatar  Puncher
#52 RE: Vorstellung Christian
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sehr erfahrenes Mitglied

Hallo zusammen,
ja, wir hatten also eine Finka, die Papiere dafür wurden in den nächsten Wochen auf der Vivienda in Buenaventura umgeschrieben. Wir kannten das Land ja schon durch einige Besuche und mir gefiel es sehr. Man konnte sich dort an den Wochenenden richtig schön erholen, das war wirklich schön. Aber beabsichtigten auch irgendwie damit Geld zu verdienen.
Es gab ein massives Haus das früher einmal eine einfache Kirche war. Das wurde nun renoviert, neue Fenster, neue Türen, Putz und Farbe. Die schon vorhandene Stallung wurde ausgebaut und eine weitere erstellt. Eine Fäkaliengrube kam dazu, Kanäle die dahinführten, es kam immer mehr dazu. Dann eine Wasserpumpe mit 15PS und 500 Meter Hartschlauch der unter Erde verlegt wurde und mit dem man an fast jede Ecke der Finka hinkam. Dann habe ich noch 200 Meter Feuerwehrschlauch bekommen, den Feuerwehrmann dazu habe ich über einen Nachbar kennen gelernt. Der kam immer wieder mal und brachte mir nagelneue Feuerwehrschläuche mit. Wir scherzten schon, das die Feuerwehr in Holguin bald keine mehr hat wenn das so weitergeht.
Dann suchten wir einen Campesino, der die Finka bearbeiten konnte und blieben bei Jemand aus der Familie hängen, der ganz in der Nähe dort wohnte. Hinzu kamen noch zwei Arbeiter. Es wurden 2 bueyes, also Ochsen gekauft, das Arbeitsgerät, ein riesiger Wassertank mit 15000 Litern Inhalt usw.
Meine Frau hat sich dann Schafe angesehen und wir haben ca. 50 Stück angeschafft, in erster Linie für den Eigenbedarf. Geld sollte mit Schweinen gemacht werden.
Mit allen Erfahrungen die ich damit gemacht habe, kann ich Niemand dazu raten Schweinezucht kommerziell zu betreiben. Er war sehr interessant, aber unglaublich arbeitsintensiv und aufreibend. Wir hatten eine Musterfinka in Händen und trotzdem ließ sich damit erstmal kaum etwas verdienen. Ich habe mir bei und zu hause in Holguin einen großen Räucherofen aus Stein bauen lassen um Schinken herzustellen. Meines Vaters Familie waren alle Fleischer und ich kannte die Rezepte und die Prozedur. Ich räucherte nur für uns immer zwei große 20kg Keulen. Die waren nach vier monatiger Präparation dann verzehr fertig und es gab Niemand der nicht begeistert gewesen wäre. Wer den kubanischen Jamon kennt, der weiß was das für ein trauriges Produkt eigentlich ist. In vier Tagen hergestellt und verkauft, klar, die Leute brauchen Geld, Niemand kann vier Monate warten. Der Staat produziert auch eine Art Schinken, die empresa carnica Tradisa, auch als Carnico bekannt,den kann man dann in den Tiendas kaufen, aber auch die Qualität ist nicht vergleichbar mit europäischen Waren.
Andererseits importiert Jedes bessere Hotel spanischen Schinken Jamon Serano z.B. und wir kannten die Preise dafür, meine Frau hatte immer noch beste Verbindungen zu ihren alten Kollegen. Man hätte hochwertigen Schinken herstellen können und wäre immer noch günstiger gewesen wie der Spanische. Klar ist natürlich das der Melia Konzern in seinen Hotels nur eigene Produkte haben wollte, zumindest beim Schinken und der Wurst und keine kubanischen. Aber da liegt auch das Desaster im kubanischen System. Sie lassen Niemand groß werden mit einer Idee, es sei denn, es ist ihre eigene. Oder aber sie machen wie bei der Schweinezucht Verträge, die es in sich haben. Wir lernten im Lauf der Zeit einen Direktor kennen, der in der Provinz Holguin verantwortlich war für die Aufzucht von Nutztieren. Über ihn bekamen wir Kontakt mit mehreren Großzüchten, davon wusste ich bis dato noch gar nichts. Die hatten bis zu 4000 Schweine im Stall, Futtersilos, Lkw´s, Maschinen, Aufzuchtställen usw. Wir sprachen mit den Züchtern und schon da hörte ich heraus, das es auch für diese Leute, die Priorität bei der Zuteilung von Medikamenten und Mastfutter hatten sehr schwer war mit Erfolg zu wirtschaften.
Man hatte nur zwei Optionen, mit dem Staat oder alleine. Wir wollten mit dem Staat kein Geschäft machen, du verlierst immer. Also Holten wir uns mit der Hilfe des Direktors 70 Jungschweine Gewicht 20Kg, vier Zuchtsauen und einen Eber in die Ställe und genug Pienzo, das Mastmittel. Dies aber schon illegal, den die Sache ist die. Hat man einen Vertrag mit Porcino, bekommt man das Futtermittel und je nach Marktlage auch Medikamente, aber nie alles. Der Vertrag läuft über 6 Monate in denen die Tiere mindestens 95 Kg wiegen müssen. Bis 125 Kg werden nur mäßige Libra Preise gezahlt über 125Kg wurde gut gezahlt. In der Realität sah das so aus, das viele Züchter das Pienzo von der Fabrik verkauften, den das erzielte auf der Straße Spitzenpreise von 70-80.- Peso Cubano pro Lata. Dafür mussten sie dann schon vorher genügend Juka oder Mais angepflanzt haben um das zu kompensieren was nun an Futter fehlte. Die Jungschweine von Porcino mussten auch noch bezahlt werden. Wohlgemerkt so lief das für Vertragszüchter, wir waren freie Züchter. Auch konnte man eine andere Vertragsart wählen, in dem man Schweine groß machte und dann nach Tonnen bezahlt wurde. Zum Beispiel hat man 3T Fleisch produziert, bekam man von Porcino die Menge Pienco die man für eine neue Produktion benötigte plus noch eine Menge extra.Wir mussten das Pienzo teuer auf der Straße kaufen, die Medikamente auch und wir mussten noch anpflanzen. Wir hatten keinen Lkw mit dem wir alles transportieren konnten unsere Finka lag nur 40 Km von Holguin, aber auf Kuba und den schlechten Straßenverhältnissen dorthin waren das wie 100 Km in Deutschland. Wir hatten mit Tierärzten Glück, so das auch Medikamente fast immer verfügbar waren. Unsere erste Zucht hatten wir noch auf der Finka vom Direktor gemacht, unter seiner Aufsicht und man sah was Wissen und Erfahrung ausmachte. Er machte 30 Tiere in 5 Monaten alle über 120 Kg schwer. Mit diesem Verkaufserlös wurde dann das Pienzo für die zweite Produktion auf unserer Finka gekauft. Das waren fast 8 Tonnen. Man muss wissen, das 30 Schweine über 6 Monate ca. 7 Tonnen Mastfutter benötigen um auf diese Gewicht zu kommen, also hatten auch wir schon Mai, Juka und Soja gepflanzt. Ich hatte mir aus Deutschland Ohrmarken besorgt um die Tiere zu markieren, muss man auf Kuba nicht wenn man frei produziert, aber die Arbeiter tauschen gerne mal ein fettes gegen ein weniger stabiles Schwein aus.
Und da sind wir wieder beim Thema vertrauen, unser Pienzo ging schneller weg wie es eigentlich sollte. Der Verwalter sagte die Tiere fressen gut, aber das ist Blödsinn, sie fressen genau zweimal am Tag die Menge die sie laut Körpergewicht zu bekommen haben. Die drei Burschen haben Pienzo für ihre Tiere zu hause abgezweigt, das war der Grund. Dann wunderte ich mich das der Soja so dünn ausgesät war, wir schauten uns den Boden an und fanden die Hülsen von den jungen Bohnen. Ein anderes mal, wir kamen immer unangemeldet auf die Finka sah ich ein Dutzend Guanajos im Soja rumlaufen. Jetzt schnappte ich meinen Spanisch Lehrer, den nahm ich immer mit wenn es um eine wortgenaue Übersetzung ging und fuhr auf die Finka. Nach einer halben Stunde waren die drei Leute entlassen. Ich sagte dem Verwalter, würde ich dich nicht entlassen, du würdest sagen ich wäre verrückt. Deine Vögel laufen im Soja und fressen ihn weg, ihr klaut uns Pienzo, ich verstehe dich nicht. Du verdienst 30.- CUC im Monat mehr wie jeder Campesino und dann machst du so was. Aber das ist Kuba, auch wenn ich dir 100.- CUC bezahlen würde, du würdest mich auch beklauen. Ein Cousin meiner Frau übernahm zwischenzeitlich die Arbeit und wir suchten uns schnell einen neuen Campesino. Den fanden wir dann auch mit eines Nachbars Hilfe und er war dann auch ein Glücksgriff. Zog mit seiner Familie auf die Finka und arbeitete wirklich gut und war bis zum Schluss immer ehrlich und korrekt.

In Holguin waren wir in dieser Zeit nicht so oft anzutreffen, die Finka war zeitraubend und wir überlegten was wir machen wenn die Tiere groß sind. Selber verkaufen war scheinbar das Beste. Ich wusste zwar das man mit einem Kiosk gut verdienen konnte, Kubaner essen viel Fleisch, aber das wäre wieder Bürokratie ohne Ende. Beantragung einer Lizenz, einen Platz finden, einen Stand bauen, wir verwarfen das und kamen zu dem Entschluss unten im Keller bei uns einen großen Stall mit Schlachtplatz zu bauen. Das alles realisierten wir in wenigen Monaten. Der Stall war an die Abwasserleitung angeschlossen, alles wurde in weiß gefliest, Wasserschläuche waren vorhanden, es war fast wie in einer deutschen Schlachterei. Unsere Finka war jetzt komplett mit Juka bepflanzt und die Tiere schon recht schwer. Wir wollten sie verkaufen. Dazu holten wir mit einem Nachbarn, der einen Jeep mit Anhänger hatte, immer 10 Tiere nach Holguin und stallten sie ein. Danach wurde das puplik gemacht und in kurzer Zeit waren die Tiere verkauft. So ging das einige Male bis sie weg waren. Mit dem ersten Verkauf der 30 Tiere und diesem hatten wir schon rund 4000.- CUC verdient. Abziehen musste man die Löhne, die Futterkosten, die Fahrtkosten, Medikamente, Tierarzt, und eigentlich auch die Kosten für das aufrüsten der Finka.

Wir sagten uns, Schweine sind schlicht und einfach zu kompliziert für uns, du musst auf der Finka leben oder sie in der Stadt produzieren, die Kosten sind so oder so zu hoch. Hätten wir einen Vertrag gehabt, wären wir noch schlechter gefahren. Häufig standen bei Porcino Lkw Schlangen deren fahrer die Verträge in den Händen hatten und ihr Pienzo wollten. Dann hieß es, heute leider nicht alles weg, kommt morgen wieder. Sag das mal deinen Schweinen am Abend, hey Jung´s, Essen gibt´s heute nicht.

Also die Finka war voll Juka und das sollte ja laut Kooperative ein Geschäft sein, bis zu 70.- Peso Cubano für 1 Quintal = 100 Pfund. Wir wollten sehen was das brachte. Was es für mich brachte habe ich nach der Ernte gesehen. Ich war und bin durchtrainiert, aber als ich den ganzen Tag Juka aus dem Boden gezogen hatte, hatte ich erhebliche Probleme noch aufrecht zu gehen. Bücken den Juka unten greifen und durch kräftiges schütteln vorsichtig rausziehen. Immer wieder, immer wieder. Dann Mittagessen, jetzt den Juka von der Pflanze abbrechen und in einen Sack stecken, man arbeitet immer zu zweit. Stundenlang. Danach fährt ein Ochsenwagen durch die Reihen und lädt alle Säcke auf. Am Haus wurde eine Waage aufgehängt und alle Säcke wurden gewogen, es waren über 600. Wir kamen auf ein Gesamt- gewicht von ca. 25t. Der Aufkäufer brauchte diesen Juka für seine Schweine, er hatte über 300. Den Lkw mussten wir organisieren, der Käufer hat ihn bezahlt.

Wir haben das Quintal für 50.- Peso verkauft, wir mussten die Arbeiter bezahlen, das Essen, unsere Anfahrt, kurzum, unser Verdienst belief sich gerade mal so auf CUC 200.- und das für diese Wahnsinnsarbeit. Der Juka muss 1 Jahr im Boden bleiben und dann bekommst du für die ganze Mühe ein Taschengeld. Der Juka Preis wird wie alle Preise der Kooperativen vom Staat festgelegt. Versteht ihr jetzt warum der kubanische Bauer häufig nur noch für sich selber anpflanzt oder züchtet. Dazu kommt noch die Abgabe an die Kooperative, wir haben jedes Jahr drei Schweine gegeben, oder auch mal Schafe.
Seit dieser Erfahrung allerdings ist mein Respekt gehörig gestiegen, für all die Campesinos, die da in abgelatschten Schuhen oder gar Barfuss eine Knochenarbeit auf ihrem Acker machen, wie in Deutschland vor der vorletzten Jahrhundertwende.

Dann in den Wochen danach haben wir unsere Hilfe für meine Mutter entlassen, besser gesagt meine Frau hat sie entlassen. Als wir so häufig auf der Finka waren hat sie sich wohl sicher genug gefühlt auch mal in unseren Schränken zu wühlen. Da fehlten Betttücher oder auch mal Lebensmittel. Meine Frau hat sie dann auf frischer tat erwischt, als sie Hühnerteile im Zimmer meiner Mutter versteckt hat, die meine Frau zum kochen brauchte.
Ich kann euch sagen, es war wie im Film, in jeder Folge neue Überraschungen.

Für heute grüße ich euch herzlich
Christian


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09.05.2016 12:49
#53 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Was für ein schnörkelloser Bericht! Und für den einen oder die andere hier augenöffnend (hoffentlich).

--

hdn

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09.05.2016 13:04
#54 RE: Vorstellung Christian
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spitzen Mitglied

Den selben Film hab ich in Venezuela erlebt wie sich die Bilder gleichen.Mann vertraut auf die Erlichkeit mit denen mman selber den Leuten entgegen kommt
und verliert im Endefekt mehr als alles.Heute sehe ich alles locker und sag mir ok wenn nichtt dann nicht Arschy lecken.
Das soll keine Entmutigung für Aussiedler sein aber eine Warnung.
Los Delfines.


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09.05.2016 13:27
#55 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Wie bisher, ein erstklassiger Beitrag .


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09.05.2016 13:54
avatar  dirk_71
#56 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Danke Christian für die tollen Einblicke

Nos vemos
Dirk

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09.05.2016 16:15
#57 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Mann o Mann,Du hast Dir wirklich eine Schweinezucht aufgehalst? Respekt, Respekt! Vom Land bist Du aber nicht?
Ich hätte mir das nie angetan, schon unter deutschen Verhältnissen ist das eine Heidenarbeit.

Vielen Dank für diesen tollen Bericht, der illustriert vieles hervorragend, was man so aus Cuba hört.

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Aus aktuellem Anlass: "Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder ist überzeugt, er habe genug davon."

La mulata es la mejor creación de los españoles!

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10.05.2016 09:48 (zuletzt bearbeitet: 10.05.2016 09:48)
#58 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Hi@all!

Toller Bericht!
Schöne wenn reale und interessante Erlebnisse und Erzählkunst zusammenkommen.

joerg

Die Frage ist nicht was wir dürfen, sondern was wir mit uns machen lassen. NENA


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10.05.2016 13:37 (zuletzt bearbeitet: 10.05.2016 13:47)
avatar  Puncher
#59 RE: Vorstellung Christian
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sehr erfahrenes Mitglied

Hallo an Alle im Forum,
erst einmal muss ich mich noch mal bedanken für die positive Resonanz von Allen, die auf meine Geschichte geschrieben haben. Ich wollte sie eigentlich gar nicht so in den Vordergrund stellen, da jeder eine Geschichte hat. Aber jetzt werde ich sie auch weiter erzählen, und am Ende mit einigen Erlebnissen anreichern wie sie mir so widerfahren sind.

Die alte Hilfe war also entlassen und rannte dann auch gleich auf der Strasse rum und erzählte den Leuten, ellos me botaron por ladrona. Ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt, jetzt macht sie sich auch noch offiziell zur Diebin. Aber das Mitteilungsbedürfnis von Kubanern ist enorm, sogar wenn sie sich selbst damit schaden.
So was spricht sich schnell herum in einem Viertel und wir hatten schon nach einigen Tagen wieder eine Hilfe eingestellt, diesmal direkt von der Nebenstrasse und nicht wie bei der Ersten von weiter weg. Wir bezahlten ihr CUC 60.- monatlich, sie war zufrieden und nach einem Tag Einarbeitung machte sie ihre Arbeit dann alleine.
Man muss bedenken, wenn man eine fremde Person im Haus hat, die auch noch dort schläft, in dem Fall war das im Zimmer meiner Mutter, so hat man doch keine wirkliche Privatsphäre mehr. Man ist dankbar dafür, aber man wird in vielen Momenten auch daran erinnert, was man aufgibt um ein einigermaßen normales Leben zu haben. Die Frauen haben dann auch in der Küche geholfen oder mit der Wäsche, sie gingen einkaufen, sie waren wirklich fleißig und haben nie nein gesagt. Dafür war ich wirklich dankbar, wie gesagt, ich hätte das nicht geschafft und meine Frau wohl auch nicht.

Meine Mutter nahm jetzt auch eigenartigerweise wieder Gewicht zu, beim Weggang der ersten Hilfe sah sie so was von abgemagert aus, ich war erschrocken. Aber immer sah ich sie mit Essen am Tisch und war sicher das sie das auch gegessen hatte. Jetzt erfuhren wir von Nachbarn gegenüber, die in unsere Terrasse einsehen konnten das diese Mahlzeiten wohl ziemlich schnell vorbei waren. Hat meine Mutter nicht gleich den Mund aufgemacht, so wurde noch einige Male der Löffel an den Mund gehalten, danach wurde eben abgeräumt.
Auch hat die gute Frau zweimal gefrühstückt, erst bei uns, dann noch mal bei der Schwiegermutter unten und da wurde dann auch gleich ein ausgedehnter Tratsch begonnen.
Jedenfalls sie sah jetzt noch wenigen Monaten richtig gut, stabil und widerstandsfähig aus.
Sie begann zu singen oder mit sich selbst zu sprechen, mit mir wechselte sie schon längere Zeit kein einziges Wort, wie schon gesagt, ich bekam die ganze Palette der Beleidigungen ab,
immer öfter fing sie zu schreien an, einfach so, spitze schrille, Laute, ich fragte mich woher sie die Luft nahm. Manchmal stand ich neben ihr da schrie sie plötzlich auf, ich zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen. Aber wir gewöhnten uns dran und die Kinder damals 5 +2 Jahre äfften sie nach mit ihrem Geschrei. Ein anderes Mal wenn meine Mutter ihren Mittagsschlaf hielt holten sie sich den Rollstuhl, den wir einer Nachbarin für CUC 12,-abgekauft hatten, die Kleine durfte rein sitzen, die Große schob sie dann mit Tempo über die ganze Terrasse. Es gab auch wenige schöne Momente mit meiner Mutter. Wenn wir ein Schwein auf dem Dach grillten, dann habe ich ihr das Tablett unter die Nase gehalten und sie hat sich gefreut und wollte mitessen. Sie bekam Bier vom Thermo, soviel sie wollte und Fleisch und Reis, da schien sie fast wieder zugänglich für mich. Aus so einer Stimmung heraus wollte ich sie dann an einem Sonntag mit in die Kirche nehmen, da war sie oft in Deutschland in der Hoffnung das ihr das gefallen würde. Aber wir kamen nur einen halben Stock tiefer. Ein Wagen war bestellt und ich nahm sie auf die Arme und wollte sie die enge Wendeltreppe nach unten tragen, an sich kein Problem. Sie wog da ca. 65 Kg ich musste sie nur etwas über das Geländer heben um schön die Kurve zu kriegen. An unserer Treppe liefen schon jahrelang zwei Stromleitungen vom Mast gegenüber vorbei zum Nachbarn. Ich also Stufe für Stufe nach unten, plötzlich schreit meine Mutter wie am Spieß, ich will nicht, lass mich los. Dann ein blitzschneller Griff und sie hatte die Leitungen in der Hand. Ich dachte bloß nicht das. Ihr kennt vielleicht diese alten isolierten Stromkabel mit 110V. Die hängen schon Jahre in der Hitze und Sonne und die Isolation ist brüchig, an denen krallte sie sich jetzt fest. Ich schrie sie an, lass los verdammt noch mal das ist Strom ich ging weiter runter, sie zog die Kabel mit. Ich wieder hoch, du sollst loslassen verdammt, sie kreischte wie eine Sirene, die Leute auf der Straße sahen nach oben. Meine Frau hinter mir konnte nichts machen, es war kein Platz in der Treppe, sie kam nicht an den Arm. Von der Schreierei aufmerksam geworden kam mein Schwiegervater von unten endlich hoch, mir entgegen. Er versuchte die Hand zu lösen, aber meine Mutter hat eine Kraft entwickelt, sie hielt weiter fest. Ich ging noch weiter hoch, sie schrie du Teufel, du sollst verrecken. Mein Schwiegervater löste jetzt Finger für Finger und endlich lies sie los. Ich hielt sie nur noch auf halber Höhe, durch das Gezerre war sie aus meinen Armen gerutscht. Jetzt trugen wir sie zu zweit an Armen und Beinen wieder zu uns rein. Mir reichte es vorläufig, ich entschied so was nicht mehr zu machen. Ich wollte ihr nur etwas bieten, aber sie verstand das nicht mehr. Ich war auch im sprachlichen Umgang mit ihr überfordert, ich wusste gar nicht mehr wie wir noch kommunizieren sollten. Sie verweigerte sich mir sprachlich total. Selten kam mal ein deutscher Rentner vorbei, der auch so seine liebe Not mit seiner Familie und seiner viel zu jungen Frau hatte, da lebte sie dann plötzlich auf. Hallo, hören sie mal, sie müssen mir helfen, ich will wieder nach Deutschland zurück, mein Sohn dieser Teufel hält mich hier fest usw. Andere Besucher beleidigte sie wie mich, na du jämmerlicher Wicht sagte sie zu einem Besucher aus Freiburg, wie siehst du heute wieder aus, völlig ungebügelt und verknittert, schändlich ist das, dann war sie wieder ruhig.
Nun ja, wir haben uns die Jahre daran gewöhnt und ich hatte es irgendwann geschafft, mich nicht mehr über ihre Beleidigungen aufzuregen. Von einem Tag auf den anderen war dieser Impuls weg. Ein befreundeter Arzt erklärte mir, das ich aufpassen müsse, du kannst einen Schlaganfall bekommen wenn das nicht aufhört, du schadest deiner Gesundheit, unterschätze das nicht. Deine Mutter ist krank du musst das aus dieser Warte sehen, nur aus dieser. Vieles was sie sagt, realisiert sie für sich selber nicht mehr. Sie hört sich reden, versteht es aber nicht.
Ich war immer der Meinung wenn jemand so zynisch redet, dann verfügt er noch über genug Intellekt um das bewusst zu sagen, aber das ist scheinbar falsch.

Überhaupt die Ärzte, ich könnte ihnen einen eigenen Abschnitt widmen. Hat sich jemand schon mal Gedanken gemacht wenn er so geplant nach Kuba umsiedelt, wie es dann mit der medizinischen Betreuung aussieht im Falle eines ernsten Falles? Wir wissen, Kuba hat die zweithöchste Ärzte Dichte nach Italien ( wusste ich auch nicht) auf der Welt. Sie sind gut ausgebildet und man kann sich Ihnen durchaus anvertrauen, was möchte man auch machen .
Aber wirklich viel weiß man eigentlich nicht. Und wenn man im Oriente lebt und nicht in Havanna, was dann? Also ehrlich gesagt, man macht sich nicht wirklich Gedanken, man vertraut der Familie, schließlich sieht die ja noch gut aus und auch die Zähne sind noch alle drin, wird schon werden. Aber wissen tut man gar nichts. Der Wahrheit siehst du erst ins Auge, wenn du einem Arzt gegenüber stehst oder liegst. Und das fühlt sich jetzt irgendwie anders an wie in Deutschland. Auch weil du vorher schon durch einige Stockwerke im Hospital gelaufen bist, die abgenutzten Türen, abgebrochenen Stuhllehnen und übergelaufenen Toiletten gesehen hast. Überall hast du den Desinfektionsgeruch in der Nase und Stimmengewirr von Menschen die herumstehen und auf etwas warten. Du kommst in einen Untersuchungsraum mit 5 Edelstahl Tischen. Auf den ersten zwei liegen Patienten. Einer Frau hängt die Unterlippe gefährlich weit weg vom Mund, die Zähne sind eingeschlagen. Immer wieder wird sie zum spucken aufgefordert. Der Mann daneben muss sich in eine riesige Glasscherbe gesetzt haben. Auf dem Bauch liegend, der Hintern frei, klafft eine ordentliche Fleischwunde. Der Arzt näht, Studenten sehen zu. Dann reißt der Gummihandschuh, er schickt einen Studenten nach Neuen. Kaum an der Hand reißt er wieder. Der Arzt näht jetzt ohne, geht auch. In der Ecke unterhalten sich zwei andere Ärzte und rauchen ihre Zigarette. Was soll ich hier? Meine Frau hat einen Termin bei einer Urologin gemacht wegen meiner Blasen Schwäche, das hier ist doch die chirurgische Ambulanz. Dann erscheint eine ausnehmend hübsche Ärztin und ich darf mich auch auf einen Tisch legen. Der Vorhang wird zugezogen und dann wird meine Prostata abgetastet. So richtig fühle ich mich nicht wohl. Weniger wegen der Untersuchung sonder wegen der fehlenden Atmosphäre die man sonst gewohnt ist. Hier wird auf persönliches keine Rücksicht genommen, alle werden so behandelt. Die Frau schreit wieder, dem Mann werden die letzten Nähte gelegt, meine Frau steckt der Bekannten was zu und wir gehen.

Was ich sagen will, lebt man auf Kuba, dann ist das wichtigste mit, das man sich genug Kontakte zu Ärzten aufbaut. Ihr braucht einen guten Zahnarzt, einen Orthopäden, einen Chirurgen, wenn die Frau Kinder will unbedingt einen guten Gynäkologen. Einen Internisten solltet ihr auch noch haben, dann hättet ihr soweit erstmal Alle. Das was jetzt noch an Ärzten fehlt, besorgen einem die erstgenannten durch ihre Verbindungen. Später kommt dann noch der Kinderarzt hinzu. Alle diese Ärzte werden euch jetzt bei einem Termin schnell und bevorzugt drannehmen. Natürlich muss man diese Beziehungen pflegen. Bringt den Ärzten immer Essen mit ins Hospital, das dortige kann man kaum essen. Ein Brötchen mit Schweinefleisch, Malta für die Kinder und ein, zwei, Bier und zum abrunden CUC 10.- das reicht erstmal und schmiedet fast schon Freundschaften. Ich weiß, es ist nicht fair gegenüber den anderen Patienten, vor allem denen vom Land die schon zwei Tage vorher in die Klinik kommen, mit Sack und Pack und Schaukelstuhl. Aber glaubt mir, sie würden es genauso machen wenn sie könnten.

Ich musste leider auf Kuba so oft ins Krankenhaus bzw. einen Arzt aufsuchen, wie mein gesamtes Leben vorher nicht. Ich erzähle noch zwei Kurzgeschichten dazu. Wir hatten bei der Geburt unserer ersten Tochter einen plastischen Chirurgen kennen gelernt und uns mit ihm angefreundet. Wir haben ihn und seine Familie öfter mal zum Essen eingeladen und er war bald wirklich ein Freund der Familie. Ich hatte ihm dann alte Computerteile geschenkt aus denen man noch einen Rechner bauen konnte und er war selig darüber. Nun wollte er sich immer dafür revanchieren. Bei jedem zusammentreffen sagte er, Christian, komm in die Klinik, ich mache dir neue Augen, du wirst aussehen wie 20. Meine Frau auch immer kräftig dafür gesprochen, du solltest das tun, das sieht richtig gut aus. Ich sagte was wollt ihr denn, ich sehe doch nicht schlecht aus. Ich hatte aber in der Tat Haut Verhärtungen unter den Augen, das kam von meiner aktiven Sportlerzeit als Boxer. Haut platzt auf und geht auch alleine wieder zu. Zurück bleibt Narbengewebe das man erst sieht wenn das öfter passiert. Dazu noch einige Falten und ja, jetzt wollte er das wegmachen. Ich gab irgendwann nach. Ob es jetzt doch Eitelkeit war kann ich nicht sagen, ich vertraute ihm jedenfalls. Er war einer der besten Chirurgen auf diesem Gebiet. Ich hatte einen Termin und lag dann bei ihm auf dem Tisch. Er und sein Chef erledigten das dann. Jeder ein Auge. Eine Schwester war noch dabei. Dann wurde eingespritzt, ca. 10-15 Spritzen pro Auge. Tut aber nicht so weh. Und dann fingen sie an. Es knipste und schnappte, man spürte nichts. Bis zu dem Moment wo der Chef seinen Daumen auf mein Auge drückt. Ich dachte er will es zerquetschen. Ich stöhnte vor Schmerz oh Gott, oh Gott, er sagte gleich vorbei, gleich vorbei und machte weiter. Ich war kurz davor mir in die Hose zu machen. Nach 45 Minuten war die OP vorbei. Mein T-Shirt war Blut getränkt. Jorge mein Freund zog seins aus und gab es mir. Zieh es an und setz die Sonnenbrille auf, damit dich der Wachmann nicht erkennt und nichts sieht. Damals durften noch keine Ausländer in der Klinik Pädiatrico in Holguin behandelt werden, es war schon schwer da überhaupt rein zukommen. Die Wachleute hatten fast mehr Macht als die Ärzte.
Wir fuhren nach hause. Ich habe dann von diesem Tag an jeden Tag ein Foto von meinem Gesicht gemacht, einen Monat lang, damit man die Veränderung sieht. Nachträglich kann ich sagen, das es gut geworden ist. Keine Falten mehr, die Verhärtungen sind weg, also gute Arbeit.

Das andere Mal habe ich eine schöne Treppe aus diesen verzinkten Metallprofilen ,vigas genannt, gebaut. Ich musste Löcher bohren und hielt irgendwann ein kleineres Teil in der linken Hand und wollte mit der rechten ein 10mm Loch bohren. Das ging gut bis der Bohrer im Metall stecken blieb und es mir aus der Hand riss. Es drehte wie wild und schlug mir dann unterhalb des Handballens ins Fleisch. Sofort schoss Blut raus, aber wie. Ich bekam einen vollen Schreck, doch nicht die Schlagader? Ich rannte in die Küche nahm ein Handtuch, schrie nach meiner Frau, ich muss ins Hospital, sieh mich an. Sie zogen mich an und raus auf die Strasse. Um die Ecke wohnte ein Nachbar mit Auto der zum Glück da war. Wir rein und Richtung Hospital. Dann sagte ich als alle Erinnerungen, Eindrücke und Erlebnisse des Hospitals in meinem Kopf durchliefen wie ein Film, lass uns erst zu Jorge fahren, ich will das er das sieht. Mein Handtuch war schon ordentlich getränkt.
Dort angekommen klingelten wir, und er war da. Ich fühlte mich sofort besser. Ich erklärte was passiert ist und er sah es sich an. Gut sagte er wir machen das hier, ich war erleichtert. Er instruierte seine Frau was zu bringen sei und das mit solch einer Professionalität, ich dachte wie im OP Ventilator vor den Küchentisch, er operierte mich am Küchentisch. Er hatte alles da was er dafür brauchte, fast alles. Seine Frau kam aus dem Nebenzimmer und fragte wo sind die Anästhesie Ampullen, in meiner Tasche sagte er. Sie kam mit der Tasche rein und zeigte sie ihm geöffnet, ich verstand nur Scheiße. Was ist fragte ich, kleines Problem, wir können nicht betäuben, die Ampullen waren zerbrochen. Och nein sagte ich, bitte tu mir das jetzt nicht an. Glaub mir, tut nicht so weh wie du meinst, ich weiß das, ich habe mich auch schon selber operiert, habe mir ein verdächtiges Muttermal entfernt. Ja sagte ich, aber meine Hand hängt vielleicht nur noch an zwei Fäden, er lachte und beachtete mich nicht mehr und ich wollte nicht als Weichei dastehen und lies alles über mich ergehen. Es war ein ca. 4 cm Schnitt sehr tief, deshalb auch die starke Blutung, viele kleine Blutgefäße durchschnitten sagte er. Zu Schlagader waren es aber noch 4 cm zum Glück. Ich könnte jetzt sagen ich bin ein richt harter Kerl nach dieser OP, aber ganz ehrlich, mir wurde mal kurz schwarz vor Augen und ich dachte ich falle vom Stuhl. Da ist soviel Adrenalin im Körper, das man wie im Rausch dasitzt. Das hat 20 Minuten gedauert, mir kam das wie eine Ewigkeit vor. Und als plastischer Chirurg macht er natürlich Nähte, die siehst du hinterher kaum noch, also wirklich gut geworden. Es sollten noch drei Operationen folgen bei denen dann aber wieder Betäubungsampullen da waren.

Ich wünsche euch noch einen schönen Tag

Christian


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10.05.2016 14:49
#60 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Sehr schön zu lesen.Danke.
Eine Frage,hast du Tagebuch geschrieben?

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Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach' Pläne!


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10.05.2016 14:54
avatar  nosanto
#61 RE: Vorstellung Christian
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Top - Forenliebhaber/in

informativ, spannend, unterhaltsam und doch sachlich und mit Stil geschrieben . Bin schon gespannt, wie es weitergeht . Saludos, nosanto


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10.05.2016 18:32
#62 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Absolut toll geschrieben
Solche "Lebensgeschichten" in denen man sich selbst auch ab und zu "wiederfindet" könnte ich stundenlang lesen!
Warte schon ganz ungeduldig auf die Fortsetzung!


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10.05.2016 21:50
#63 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Du schreibst wunderbar, als wenn man persönlich dabei wäre .


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11.05.2016 05:30
avatar  santana
#64 RE: Vorstellung Christian
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Top - Forenliebhaber/in

diesen bericht sollten menschen mehrmals lesen die das Bedürfnis haben nach Cuba auszuwandern,da brauchst du viel glück,dass du keinen schaden abbekommst, in Cuba Geld zu verdienen ist schwierig auszu geben leicht, inzwischen wird dir klar sein ,was du an deinem Heimatland hast.


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11.05.2016 09:03
avatar  UJKEI
#65 RE: Vorstellung Christian
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spitzen Mitglied

Auch ein dickes Lob von mir, mir fehlen die Worte. Danke das du uns an deine Erfahrungen teilnehmen lässt, ich bin gespannt wie
es weiter geht. Ich habe großen Respekt vor deinem Schreibstil und besonders für deine Offenheit.


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11.05.2016 12:44
avatar  Puncher
#66 RE: Vorstellung Christian
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sehr erfahrenes Mitglied

Hallo zusammen,
ich freue mich wirklich riesig, eure Meinungen zu meinem Beitrag zu lesen, ich hätte nie gedacht das das so positiv ankommt. Natürlich werde ich weiter schreiben, auch um das erlebte für mich selber aufzuarbeiten.

Cabeza mala fragte, ob ich ein Tagebuch geführt habe, nein, nie. Ich habe auf Cuba so intensiv und mit Freude gelebt, das alles was mir widerfahren ist unauslöschlich in meinen Gedanken weiter existiert. Ich greife direkt wenn ich das schreibe darauf zu.

Sisyphos fragt ob ich vom Land bin, nein ich bin ein waschechter Stadtjunge. Ich habe mir alles Wissen soweit angeeignet das ich zumindest verstand was da gemacht wurde.
Wichtig war, das du jemand hattest der Ahnung hatte und das war ja der Fall. Die Familie meiner Schwiegermutter sind Campesinos und waren fast Nachbarn zu uns. Man hatte immer noch Jemand der seine Meinung zu der Sache sagen konnte und auch Bescheid wusste.
Aber du hast Recht, Schweine züchten ist eine harte Sache. Als die bei uns unten im Stall waren und ich jeden Tag runter bin um sauber zu machen, zu füttern usw. da kam ich stinkend wieder nach oben und habe mich geschrubbt und gebürstet, ich bekam den Gestank kaum mehr runter. Das kannte ich bis dahin auch nicht. Ich stank sprichwörtlich wie ein Schwein.

Santana, das mit dem Heimatland ist ein sehr komplexes Thema und war auch ein wesentlicher Teil meiner Entscheidung Deutschland zu verlassen. Ich weiß was ich an Deutschland habe, aber ich weiß auch, was ich nicht habe und was mir Deutschland nicht geben kann.

Und wie Santana schon bemerkte, hoffentlich lesen es die, die nach Cuba auswandern möchten. Nun, auswandern kannst du ja nicht auf die klassische Weise, sondern nur wenn du mit einem kubanischen Staatsbürger/in verheiratet bist der seinen ständigen Wohnsitz auf Kuba hat.
Dann kommt das Prozedere der Antragstellung für die Residencia Permanente. Hat bei mir 13 Monate gedauert bis der Entscheid bei meiner Schwiegermutter vorlag. Kuba ist grundsätzlich kein Einwanderungsland wird dir auf der Imnigracion gesagt. Ich bekam vier Seiten Antragsformulare, eine Liste mit allen benötigten Unterlagen und konnte beginnen die Papiere zu Hause in Deutschland beizubringen. Damals 2003/04 musste man noch einen Solvenznachweis über sein Vermögen vorweisen. Dazu musste ich einen Versicherungsvertreter und einen Angestellten meiner Bank zum Notar mitbringen, das er in Anwesenheit der Beiden meine Vermögensverhältnisse feststellt und beurkundet, alleine das war schon eine Schwierigkeit für sich selbst. Konnte der Eine, dann konnte der Andere nicht. Konnten Beide, hatte der Notar keinen Termin frei. Die ganzen Urkunden, ärztliche Untersuchung der Lunge mit röntgen und Blutuntersuchung auf HIV. Beglaubigungen und Überbeglaubigungen des Gerichts, Übersetzungen, ich benötigte ca. 5 Monate um alles neben der Arbeit zu beschaffen. Bei meinem nächsten Besuch auf Kuba konnten wir dann die kompletten Unterlagen abgeben. Sie wurden auf Vollständigkeit geprüft und angenommen. Danach abwarten. Benachrichtigt wurde nicht ich, sondern meine Schwiegermutter, den die musste ja im Falle meiner Mittellosigkeit für meinen Unterhalt sorgen. Nach 13 Monaten kam dann der bescheid, das ich innerhalb von zwei Monaten auf der Imnigracion zu erscheinen habe um mein Carnet de Identidad abzuholen, das war ein richtig erhabenes Gefühl. Diese erste riesige Bürokratenhürde hatte ich genommen. Bis heute sind auch einige wenige Punkte aus dieser Liste rausgefallen. Ich musste noch ein Konto mit $ 5000.- eröffnen und eine Arbeitsstelle nachweisen, bzw. einen Betrieb, der mich nach Erteilung der Residencia eingestellt hätte. Das muss man heute nicht mehr.

Und um auf Santana zurückzukommen, man kann natürlich nach Kuba umsiedeln, nur nicht so, wie das manche Deutsche in den letzten Jahren gemacht haben. Völlig unrealistische Vorstellung, kaum informiert, schlecht geplant und nicht Willens die spanische Sprache zu lernen.
Häufig schon älter, der Lebensmittelpunkt verlagert sich auf einige Bars am Placa Central, wo man über Gott und die Welt resümiert, aber nicht wo es einen guten Spanisch Lehrer gibt.
Ist der erste Aha Effekt vorbei, dann beginnen die ersten Unmutsäußerungen über Kuba und die Kubaner. Plötzlich ist man wieder Deutscher und will es diesen Strauchdieben mal zeigen wo der Bartel den Most holt. Wie oft ich das gehört habe, wenn ich an meinem Kiosk in Peralta mal auf ein Bier saß, wohlgemerkt mit meiner Frau und wir haben uns spanisch wie deutsch unterhalten. Zum Glück hielten sich die Touristen nur selten da auf, in den Stadtlokalitäten war ich nie. Das hatte zu sehr Ballermann Charakter und ich wollte mich nicht in Schwierigkeiten bringen, falls mein Impuls mich mal überkam.

Älterer Herr, Deutscher ca.65, mit junger Frau, Kubanerin ca.25, was muss man da denken? Große Liebe, dritter Frühling, oder Vater mit Tochter? Und das soll nun funktionieren. Sie sitzen am Kaffeetischchen und schweigen sich schon 30 Minuten lang an. Drehen ihre Köpfe nach allen Seiten, sehen sich nicht in die Augen und halten sich nicht an den Händen. Wollen serveza, trinki, trinki, du, fragt er dann endlich, sie verneint. Der stabile Hals mit mehreren protzigen Panzergoldkettchen behangen, die Haare wie in den Achtzigern, viel zu lang und zu blond, könnte ein Zuhälter in Pension sein. Passt nur nicht mehr in die heutige Zeit, weder in Deutschland und schon gar nicht auf Kuba. Die Badelatschen und die schlabbrige Short runden das Bild des Eroberers ab.

Davon gibt’s viele jede Saison, plötzlich sind sie alle da und man tauscht Erfahrungen aus. Welche Casa ist die beste und billigste, welche Frau hat sich besonders hervorgetan als Begleitservice, da wird kein Blatt vor den Mund genommen, und mit den Eroberungen wird geprahlt wie nach einer Großwildjagd. Man hört´s auch noch an den Nebentischen. Und fliegt man dann wieder nach Hause, dann nur mit Erinnerungsbildchen im Gepäck um den Freunden daheim zu sagen; sieh mal Hermann, sieht sie nicht gut aus, sie liebt mich wirklich, sie sagt sie wartet auf mich, sie wird immer an mich denken!
Und natürlich kennen sie Kuba jetzt, sie wissen so gut wie alles und können jedermann Auskunft und Ratschläge geben, auch wenn sich ihr Bewegungsradius gerade mal 500m um den Placa Central erstreckte.

Die, die es dann wirklich schaffen noch nach Kuba umzusiedeln, die sind dann hoch gefährdet. Wenn man Kuba auf eine Casa Particular, eine hübsche junge Kubanerin und sein Stammlokal reduziert, dann darf man sich nicht wundern, wenn man eine Bruchlandung hinlegt.
Ich kenne Deutsche, die leben schon einige Jahre in Holguin und Havanna, haben aber so ihre Schwierigkeiten. Die Mentalität der Kubaner ( aber auch die der Deutschen ) ist immer wieder Streitpunkt, die fehlende Sprache, das Geld, man hält irgendwie noch so zusammen, glücklich sehen die nicht aus, eher eine Zweckgemeinschaft.

Ich sagte ja schon einmal, man muss sich integrieren. Wir verlangen in Deutschland das Selbe von Menschen die hier leben möchten, also muss ich, der Deutsche auch verstehen, das ich mich in anderen Ländern zu integrieren habe wenn ich dort leben möchte. Integration heißt, Teil einer Gesellschaft zu werden, der kubanischen.
Interesse an dieser Gesellschaft zu haben, ihrer Kultur, seinen Menschen, seiner Geschichte.

Jetzt blickst du noch mal zum Placa Central und den Permanenten die da sitzen, ich habe meine Zweifel, das die überhaupt verstehen über was ich da rede. Soviel zu Glücksrittern auf Kuba.

Zu meinen Beweggründen möchte ich folgendes sagen, ich hatte reichlich gute Gründe Deutschland zu verlassen, ich mache mir natürlich auch über Deutschland Gedanken und habe mich von dieser Politik nicht mehr repräsentiert gesehen. Ich habe Vorstellungen von meinem Leben, die ich hier nicht umsetzen kann. Ich laufe häufig nicht im Mainstream mit sondern schere schon mal aus. Ich weiß was ich will und erkenne kaum eine Möglichkeit es in Deutschland verwirklichen. Frage doch mal in der Welt mit was man den Deutschen charakterisiert? Da werden dir schnell 5-6 Attribute um die Ohren gehauen, da schwillt die Brust eines jeden Nationalisten aber gefährlich an.
Was ich will ist ganz einfach, raus aus diesem Einheitsanzug, der schon viel zu lange zu eng für mich ist, mehr will ich gar nicht.

Und genau das habe ich auf Kuba gefunden. Mehr Gelassenheit, Offenheit, man lacht dort tatsächlich auch häufiger, ich habe das ja fast schon verloren. Ich kann mich privat besser entfalten, ich habe Freundschaften erlebt, die mir viel bedeutet haben und habe mich frei gefühlt, ja, auf Kuba. Ich habe gelernt mich zu reduzieren und vor allem meine Ansprüche, was sehr wichtig für mich war und ist.
Ich habe innerhalb der Familie aber auch darüber hinaus ein funktionierendes soziales Verhalten erlebt, ich hänge an Holguin und an unserem Haus, ich war akzeptiert, sie sagten, du bist ja so gut wie Kubaner. Ich habe soviel erlebt was mir mehr bedeutet, wie alles was ich vorher in Deutschland erlebt hatte.

Sie haben jeden Monat vom CDR einen Plan erstellt und die Männer und Frauen unserer Straße wurden zur Wache eingeteilt. Man musste mit einem zweiten Mann in seinem Sektor Streife laufen, oder die Straße bewachen, gegen Diebe. Die gibt es immer und überall. Der Präsident der Straße hat mich um 22:00 -6:00 eingeteilt und da saßen wir dann in der Nacht und haben die Straße angeguckt. Haben uns unterhalten und die schlafenden Bewohner gesichert, könnte man sagen. Ich habe immer viel erfahren in diesen nächtlichen Gesprächen Aber alleine, das ich auch dazu gehörte und sie mich akzeptierten war mir wichtiger wie alles andere in diesem Moment. Das ist auch Integration.

Wir haben Feste gefeiert Schweine gegrillt, getanzt, gelacht, getrunken, wirklich, ich habe erst da angefangen richtig zu leben, oder aufzuleben. Diesen deutschen Mantel abzustreifen, das dauert, manchmal habe ich es übertrieben wenn ich wieder mal schulmeistern wollte. Mir war es dann selber peinlich wenn ich die Menschen um mich herum ansah und meinen unsäglichen Kleinkram hörte, den ich gerade verzapfte. Es hat Jahre gedauert, bis ich das Gefühl hatte, das ich das überflüssigste meines Wesens entsorgt hatte. Und erst als ich da angekommen war, habe ich mich als Teil dieser Gesellschaft gefühlt. In dieser Stadt, diesem reparto, diesem barrio, in meiner Straße.

Für heute grüße ich euch
Christian


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11.05.2016 12:57
#67 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Auch von mir ein großes Dankeschön!
Sehr schön, Deine Selbstreflektion zu lesen. Ich bin auch gespannt, wie es weiter geht!


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11.05.2016 12:57 (zuletzt bearbeitet: 11.05.2016 12:58)
avatar  R.Bost
#68 RE: Vorstellung Christian
avatar
Cubaliebhaber/in

.
danke für deine offenen Worte und der äusserst lesenswerte Text....

r.


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11.05.2016 13:00
avatar  Issi
#69 RE: Vorstellung Christian
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Mitglied

auch ich schliesse mich allen anderen an. Einfach hervorragend!
Mir gefällt sehr, dass du so selbstkritisch bist. Dies ist wohl eine der Grundvoraussetzungen, um in Cuba sesshaft zu werden.


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11.05.2016 16:54
#70 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Was mir bei diesem Thread auch ganz besonders auffällt ist das bisher
noch kein Forums Besserwisser (so im Stil:"das hätt ich aber für die Hälfte bekommen")
hier geäußert hat.


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11.05.2016 16:58
#71 RE: Vorstellung Christian
avatar
Rey/Reina del Foro

Dafür ist es einfach zu schön geschrieben und alle wollen mehr.

-----
Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach' Pläne!


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11.05.2016 17:26
#72 RE: Vorstellung Christian
avatar
Rey/Reina del Foro

Zitat von Puncher im Beitrag #66
...
Sisyphos fragt ob ich vom Land bin, nein ich bin ein waschechter Stadtjunge. Ich habe mir alles Wissen soweit angeeignet das ich zumindest verstand was da gemacht wurde.... Ich stank sprichwörtlich wie ein Schwein....

Das dachte ich mir. Ich habe lange genug im Schweinestall den Mist bewegt und das Futter gekarrt (ich bin vom Dorf) und wäre deswegen nie auf so eine Idee gekommen. Aber manche Erfahrungen muss man selber machen.

Ich kann mich insgesamt nur wiederholen, toll geschrieben und besonders beeindruckt mich die Selbstreflektion!

Deiner Einschätzung über das Leben in Deutschland und in Kuba kann ich nur aus ganzem Herzen zustimmen und auch der Charakteristik so vieler Cuba(na)fans unter den Deutschen.

Das ist einer der schönsten Threads im Forum seit sehr langer Zeit, dank Deiner Worte.

----
Aus aktuellem Anlass: "Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Jeder ist überzeugt, er habe genug davon."

La mulata es la mejor creación de los españoles!

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11.05.2016 17:31
#73 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Hi@all!

Guardia hab ich auch schon mitgemacht. Schwiegermutti ist CDR Blockwart.

joerg

Die Frage ist nicht was wir dürfen, sondern was wir mit uns machen lassen. NENA


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11.05.2016 18:30
#74 RE: Vorstellung Christian
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Rey/Reina del Foro

Mich als Selbständiger würde mal interessieren ob bei der "Schweinerei"auch finanziell was hängen blieb?

Von der Entlarvung des Scheinwissens ausgehend gelangt Platon in den mittleren Dialogen zu einer Dialektik, die sich als diskursive Methode mit der Erkenntnis an sich befasst.

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11.05.2016 18:48
#75 RE: Vorstellung Christian
avatar
Rey/Reina del Foro

Toll und ehrlich geschrieben .


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