Wir sind Sandinisten und wir sind autonom

07.01.2008 22:51
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#1 Wir sind Sandinisten und wir sind autonom
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»Wir sind Sandinisten und wir sind autonom«
Über kommerzielle und alternative Medien und die Beziehungen zwischen Basisradios und der aktuellen sandinistischen Regierung in Nicaragua. Ein Gespräch mit William Grigsby Vado
Interview: Timo Berger

»Wir werden Präsident« – Ortega-Anhänger im Oktober 2006 südlich von Managua
Foto: AP
William Grigsby Vado ist Direktor der sandinistischen Radiostation La Primerísima in Nicaragua. Er spricht am Samstag auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz
Sie sind Direktor des unabhängigen Radios La Primerísima. Aus welchen Medien informieren sich die Menschen in Nicaragua? Wem gehören Zeitungen und Rundfunk?


Es gibt in Nicaragua nur drei Zeitungen: La Prensa, Hoy und El Nuevo Diario. Die beiden ersten kann man als rechts, das letzte als mitte-rechts einordnen. Darüber hinaus gibt es zwei tägliche Mitteilungsblätter im Abonnement: Das rechte Trinchera de la Noticia und Bolsa de Noticias, das ebenfalls Mitte-rechts steht. Wenn man die Auflagen aller Zeitungen zusammenzählt, kommt man gerade mal auf 100000 Exemplare – das ist bei 5,3 Millionen Einwohnern nicht viel. Wichtiger sind das Fernsehen und vor allem das Radio. Es gibt acht Fernsehkanäle. Fünf davon sind über die Antenne zu empfangen und drei nur über Kabel. Die Radiolandschaft dagegen ist sehr vielfältig. Es gibt mehr als 180 Sender auf dem FM-Signal und ungefähr 65 auf AM-Signal. Manche gehören großen Unternehmen, andere werden von sandinistischen Basisgruppen betrieben. Der Staat selbst ist Eigentümer von einer Sation: Radio Nicaragua. An der Eigentumsfrage hat sich im Grunde genommen in den vergangenen 17 Jahren nicht viel verändert. Die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) hält einen Teil der Aktien von Kanal 4 und ihr gehört das Nachrichtenprogramm. Einer Finanzgruppe, die als Medienkonsortium fungiert, gehört Kanal 2 sowie die Tageszeitung La Prensa.
Wie ist die Situation der sandinistischen Basisradios? Wie viele Hörer haben sie?


Die überwiegende Zahl der Radiosender befindet sich im Landesinneren. Sie werden von Vertretern sozialer Bewegungen, von Kooperativen oder Arbeitergruppen betrieben. Zwar haben sie Schwierigkeiten, wirtschaftlich zu überleben, weil sie nicht kommerziell ausgerichtet sind, doch dafür können sie völlig frei Meinungen und Ideen der Gruppen, von denen sie betrieben werden, verbreiten. Von Staatsseite erfahren sie keinerlei Einschränkungen. Die sandinistischen Radios erreichen mit ihren Nachrichtenprogrammen ungefähr 80 Prozent der Hörer landesweit, ihr sonstiges Programm verfolgen 30 Prozent. Wie viele Hörer es insgesamt gibt, kann man nur schätzen. Radiogeräte sind in Nicaragua sehr verbreitet: In 92 Prozent der Haushalten steht mindestens ein Apparat.
Sind diese sandinistischen Radios untereinander vernetzt?


Ich denke, es sollte eine Bewegung geben, die diese Sender koordiniert. Doch unser Hauptproblem ist, daß wir dafür nicht über genügend Kräfte verfügen. Die einzelnen Sender verfolgen teilweise auch unterschiedliche politische Interessen. Wir sind zwar alle Ableger der Revolution. Doch heutzutage kämpft jedes Radio für sich.
Wie sind die Beziehung zur FSLN und der aktuellen Regierung unter dem Sandinisten Daniel Ortega?


Die FSLN besitzt neun Radiosender. Darüber hinaus gibt es ungefähr 20 Radios, die sich wie wir zwar als »sandinistisch« bezeichnen, aber nicht Eigentum der FSLN sind oder den Weisungen der Partei unterliegen. Wir sind Sandinisten und wir sind autonom. Die neue Regierung hat entschieden, den kleinen Radios Priorität einzuräumen und sie zu fördern. Sie sendet ihre Werbespots in den sandinistischen Radios. Doch finanzielle Unterstützung oder eine spezielle Förderung gibt es nicht.
Wer entscheidet, was im Radio gesendet wird?


Bei unserem Sender, dem Radio La Primerísima, werden die Grundlinien des Programms von der Leitung bestimmt – aufgrund von politischen, journalistischen, aber auch finanziellen Überlegungen. Doch der größte Teil des Programms ist offen für die Beteiligung unserer Hörer.
Wie sieht diese Hörerbeteiligung konkret aus?


Die Hörer schreiben uns per Post oder per E-Mail, sie rufen an, oder sie kommen direkt zu uns ins Studio. Und natürlich suchen wir sie auch an ihren Wohnorten auf. Sehr viele beteiligen sich: Zu den Hauptprogrammzeiten erreichen uns im Schnitt 40 Anrufe pro Stunde.
Woher stammen die Informationen für Ihre Nachrichtensendungen?


Wir haben in unserer Zentrale eine siebenköpfige Redaktion, im Landesinneren haben wir sieben Korrespondenten. Um über das internationale Geschehen zu berichten, greifen wir auf die verschiedensten Quellen zurück; insbesondere auf die Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Radiostationen der Länder der Bolivarischen Alternative für Amerika.


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