Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer

18.11.2004 15:24 (zuletzt bearbeitet: 18.11.2004 15:26)
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#1 Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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Rey/Reina del Foro


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Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer

Auf Kuba gibts nicht nur viel Zigarrenrauch, sondern auch schmauchende Dampfzüge - so viele wie kaum mehr sonst wo; Zuckerrohr und Socialismo tropical machens noch möglich.

Von Peter Hummel

Einen solchen Höhepunkt haben selbst die weit gereisten Dampffans, die zuhinterst im Begleitwagen mitruckeln, noch nie erlebt: Da faucht ihr schwer beladener Güterzug mitten aus den Zuckerrohrfeldern stracks auf eine Autobahn zu und nimmt sich die niveaugleiche Vorfahrt! Das gibt es wohl auf der ganzen Welt sonst nirgends, doch in Kuba passt ein Dampfzug neben andern gemachen Autobahn-Mitbenützern wie Velofahrern und Ochsengespannen ganz gut ins Bild.

Seit «Buenavista Social Club» ist es chic geworden, sich nach Kuba aufzumachen, um dem Bolero, Guaracha und Son, der authentischen Tanz- und Volksmusik, nachzuspüren. Der morbide Charme des niedergehenden Socialismo tropical und der schnelle Kontakt zu den lebensfrohen Einheimischen machen das Erlebnis umso eindrücklicher. Dann gibt es jene Geniesser, denen Kuba für die aromatischsten Zigarren und die grösste Zahl erhaltener Ami-Schlitten eine Reise wert ist. Und da ist es gar nicht mehr so abwegig, dass Aficionados noch seltenerer und älterer Oldtimer wegen auf die Zuckerinsel pilgern: der letzten Dampflokomotiven.

Der Planwirtschaft sei Dank
Kuba gilt als eigentlicher Eisenbahnpionier: 1836 wurde die erste Linie eröffnet - noch lange bevor dies in der Schweiz geschah. Das Streckennetz war einst wesentlich länger als dasjenige in der Schweiz und dürfte jetzt mit 5000 Kilometern noch etwa gleich lang sein; dazu kommen rund halb so viele Kilometer von Zuckerrohrbahnen. Allein auf diesem riesigen Industrienetz waren früher 1300 Dampfloks eingesetzt; heute gibts grad noch ein knappes Hundert, wovon etwa die Hälfte in betriebsfähigem Zustand ist. Damit ist Kuba neben China und Indonesien eines der letzten Refugien für regelmässigen Dampfbetrieb - zumindest während der Zafra, der viermonatigen Zuckerernte. Bei den dampflokbespannten Zügen handelt es sich nämlich um Zuckerrohrtransporte von den Feldern in die Mühlen (Centrales). Dieses Relikt hat sein Überleben Castros Regime zu verdanken: zum einen weil Devisen fehlen, um neue Dieselloks und grosse Lkw zu beschaffen; zum andern, weil Castro die Zuckerproduktion aus sozialen Gründen aufrechterhält - obwohl sie trotz billiger Arbeitskräfte nicht mehr rentabel, da völlig veraltet und zum Weltmarktpreis längst nicht mehr konkurrenzfähig ist. «Kuba ist Zucker», einer der vielen Revolutionssprüche, ist überholt: Kubas wichtigster Rohstoff ist in seiner Bedeutung vom Tourismus abgelöst worden.

2002 kam es zum unvermeidlichen Kahlschlag: Rund die Hälfte der Anbaufläche und der 156 Centrales wurde stillgelegt; 100 000 Beschäftigte verloren damit ihre Arbeit. Es wird zwar emsig nach vermarktbaren Derivaten aus Zuckerrohr geforscht - wie Viehfutter, Verpackungen oder gar Bodenbelägen -, ein kommerzieller Dauerbrenner ist indes einzig ein Destillat: Rum, der Zuckerrohrschnaps. Er wird immerhin dafür sorgen, dass es stets noch bedeutende Zuckerrohrplantagen geben wird - und damit Zuckermühlen und insofern eine Chance für Dampftouristen

Noch gibts Rosinen für Los Locos
Vorläufig jedenfalls kommen die aus aller Welt anreisenden Dampfliebhaber noch auf ihre Rechnung. Es empfiehlt sich der Besuch mit einem spezialisierten Veranstalter, der sich mit offiziellen Fotobewilligungen beim Zuckerministerium Minaz nicht nur gewisse Garantien, sondern gegen harte Devisen auch Sondereinsätze von Dampf- statt Dieselloks oder ganzer Extrazüge sichern kann.

Nächstes Jahr dürfte es weiterhin auf etwa einem Dutzend Centrales planmässigen Dampfbetrieb geben, dazu auf einem weiteren halben Dutzend touristischen. Damit bieten sich den Aficionados genügend ferroviäre Leckerbissen: 80- bis 90-jährige Loks; in den Mühlen, die man mit Glück besuchen darf, gar 150-jährige Prozess-Dampfmaschinen aus der Gründungszeit; drei Spurweiten, die sich gelegentlich sogar kreuzen; die erwähnten vorsintflutlich anmutenden niveaugleichen Autobahnkreuzungen. Bei Globe Steam heisst denn auch eine der Touren doppelsinnig «Los locos» - Spanisch für «Lokomotiven» und in der zweiten Bedeutung: «die Verrückten». Der deutsche Veranstalter geht davon aus, dass sich seine Klientel lieber früh aufmacht, den Sonnenaufgang in der richtigen Kurve zu erwischen als untätig aufs Hotelfrühstück zu warten. Durch die sozialistischen Umstände (gerade mal wieder kein Treibstoff) ist eine gehörige Portion Improvisationsvermögen nötig; durch die Minaz-Absicherung besteht aber guteHoffnung auf Naturalersatz in einer andern Mühle.

Gleichwohl werden auf Dampfzugreisen in Kuba nicht nur Freaks beglückt; eine solche Tour bietet auch Gelegenheit, Land und Leute auf eine Art kennen zu lernen, von der Pauschaltouristen in ihrer Strandwelt keinen Schimmer haben. Rund um die Centrales sind ganze autarke Dörfer aufgebaut, wo man die seltene Gelegenheit hat, statt der Importartikel Landesprodukte in Pesos zu kaufen, etwa ein Bündel Volkszigarren. Man wähnt sich in eine andere Zeit versetzt - in ein Kombinat im einstigen Ostblock. Und siehe da, es dauert nicht lange, bis ein in der Ex-DDR ausgebildeter Ingenieur einen auf Deutsch begrüsst.

Sonderfahrten garantieren Existenz
Es bleibt zu hoffen, dass sich der Dampfbetrieb wenigstens auf diesem bescheidenen Niveau noch ein paar Jahre halten kann; immerhin gibt es die positiven Beispiele einiger Centrales, die dank der durch Sonderfahrten generierten Devisen (drei Viertel verbleiben ihnen) überhaupt ihre Weiterexistenz sichern können. Puristischen Dampffreaks freilich sind die aufkommenden kommerziellen Touristenfahrten in bunten Waggons für Tagesausflügler ein Gräuel - da können sie gleich in Europa mit seinen Museumsbähnchen bleiben. Ihnen gilt für den Dampf wie dem Máximo líder für sein Land: Socialismo o muerte!

http://www.tagi.ch/dyn/reisen/kultur/437171.html


Moskito


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19.11.2004 03:14 (zuletzt bearbeitet: 19.11.2004 03:39)
#2 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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die besten Zeiten für Freaks sind leider vorbei...

Links zum Thema:
http://worldsteampictures.photos.gb.com/c20317.html
(im Index mehr vom letzten Safra-Plandampf, Mai 2003)
http://home.btclick.com/cubasteam/zafra2003.html
Bis 2003 gab es noch diverse Dampfeinsätze im "Planbetrieb", heute nur noch gestellt für Touris. Öl-Chavez ist mitschuld.
Sollte einer dieses Jahr in Cuba noch Plandampf beobachtet haben, bitte melden!!
Aber auch der alte "einäugige" Hershey ist eine Wucht...

Maqui


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19.11.2004 07:57
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#3 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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( Gast )

In Antwort auf:
die besten Zeiten für Freaks sind leider vorbei

Um solche exotischen Schweinereinen anzuschauen, müßen deutsche Männer extra ins Ausland fahren?

Meiningen reicht meiner Meinung nach vollkommen um mal schnell Dampf abzulassen...



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19.11.2004 09:15
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#4 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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( Gast )

In Antwort auf:
Meiningen reicht meiner Meinung nach vollkommen um mal schnell Dampf abzulassen...

Schnakseln die Ostfrauen im Allgemeinen genauso gerne wie die Negerinnen?

"Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen."

Erwin Kostedde


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19.11.2004 10:57
#5 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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Rey/Reina del Foro

@ Quesito

Ja. Früher zu DDR-Zeiten zumindest, was die Ostfrauen anbelangt. Zu den anderen kann ich nichts sagen.

e-l-a


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19.11.2004 13:19
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#6 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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( Gast )

ELA - Du bist nicht der einzige der das erzählt - das ist irgendwie ein interessantes gesellschaftliches Phänomen, daß mit der Wende bei den Ostfrauen die Schnaksellust stark nachgelassen hat und sich derart schnell an das bescheidene Westniveau angepaßt hat.

"Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen."

Erwin Kostedde


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19.11.2004 13:24
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#7 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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Rey/Reina del Foro

In Antwort auf:
ELA - Du bist nicht der einzige der das erzählt -das ist irgendwie ein interessantes gesellschaftliches Phänomen,...
Na ja, die die das erzählen waren damals auch rund 20 Jahre jünger...

Moskito


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19.11.2004 14:32 (zuletzt bearbeitet: 19.11.2004 14:47)
#8 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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Rey/Reina del Foro

Nur, Moskito, daß kurioserweise ähnlich wie in Kuba damals die Altersunterschiede keine rolle gespielt haben. In meiner Stammdisse hat z.B. der 50-jährige Kaufhausdetektiv fast jeden Abend eine andere 18-35 jährige abgeschleppt.
Genau so wie andersherum der 21-jährige "Jungfacharbeiter" öfters mit einer anderen "reiferen" Dame dort aufkreuzte.

Quesito hat recht. Ist ein gesellschaftliches Problem. Es gibt heute viel zu viele andere Freizeitangebote. Damals mußte man einfach jeden Tag in den Einzigen, nach 24 Uhr noch geöffneten Schuppen gehen, wenn einem als Single nicht zuhause vor Langeweile die Decke auf den Kopf fallen sollte.

Auch das blöde Fernsehen hatte damals regelmäßig gegen Mitternacht flächendeckend auf weißes Rauschen umgeschaltet. Da mußte man einfach raus. Und die billigen Kneipenpreise damals in der Zone, sowie die bei vielen oft geringen Ansprüche des volkseigenen Arbeitgebers bezüglich Pünktlichkeit und Nüchternheit am Arbeitsplatz haben die Woche oft zum Wochenende werden lassen. Und schnackseln war eben eine jederzeit verfügbare, kostenlose Freizeitbeschäftigung. Sowas kennen die Altwessis nur vom Hörensagen oder wenn sie mal zur Messe "drüben" waren. Oder neuerdings aus Kuba. Aber nicht mehr ganz so kostengünstig wie damals in Leipzig zur Messe.

Mein Remscheider Kumpel sagt immer: "Johnnie, ich will meine alte Zone wieder haben".


e-l-a


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21.11.2004 04:05 (zuletzt bearbeitet: 21.11.2004 04:41)
#9 RE:Dampfexotik auf Kuba - ein Abenteuer
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Forenliebhaber/in

In Antwort auf:
Meiningen reicht meiner Meinung nach vollkommen um mal schnell Dampf abzulassen...


Rey, den Dampf hatte ich längst abgelassen wenn ich mich mal als Abwechslung den stählernen Anglo-Cubanas gewidmet habe.
Im Sommer genießt man den "Plandampf" natürlich eher im europäischen Oriente. Der ist rund um Meiningen selten geworden.
Hauptsache, der Druck im Kessel läßt sich dann auch in kinetische Energie umwandeln, mit Reibungsverlusten als erwünschtem Nebeneffekt.
¡Viva la Evolución!


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