Der unbeugsame Dichter

30.12.2004 00:06
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Rey/Reina del Foro

In Antwort auf:
Deutschlandfunk - 29. Dezember 2004 • 23:54

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28.12.2004

Der unbeugsame Dichter

Der Kubaner Raúl Rivero
Von Peter B. Schumann

Der Kubaner Raúl Rivero: der unbeugsame Dichter

Es war Sonntagfrüh, 8.00 Uhr, als es endlich gelang, mit Raúl Rivero zu telefonieren. In der Ferne heulten gerade die Sirenen: Cuba demonstrierte wieder einmal mit den alljährlichen Manövern seine Kampfbereitschaft gegenüber den USA und hielt damit tagelang die Bevölkerung in Atem. Einerseits Manifestation der Macht, andererseits Bereitschaft zum Dialog - das scheint die gegenwärtige kubanische Politik zu sein. Davon konnte jetzt ein Gutes Dutzend der 75 Dissidenten profitieren, die vor 21 Monaten zu drakonischen Haftstrafen verurteilt worden waren, unter ihnen auch Raúl Rivero.

Ich wurde ohne Auflage freigelassen. Auf meinem Entlassungsschein steht lediglich 'vorzeitige Freilassung aus Krankheitsgründen, denn ich habe Schwierigkeiten mit der Atmung, mit einer Niere und andere Probleme. Ein hoher Offizier der Staatssicherheit sagte mir: ich könne jetzt nach Hause gehen, um mich dort auszukurieren. Ich habe aber während meiner Haft verschiedene Gefangene kennengelernt, die aus dem gleichen Grund zunächst nach Hause geschickt, dann aber wieder zurückgeholt wurden, um die restliche Zeit abzusitzen. Das wären in meinem Fall noch 18 Jahre.

Für den 59-jährigen Poeten hieße das erneut lebenslänglich. Und zwar unter Bedingungen, die kaum mit unserem Begriff von Menschenwürde vereinbar sind. Die ersten elf Monate seiner Haft ließ die kubanische Regierung den Dissidenten wie einen Schwerverbrecher behandeln und in eine winzige Isolierzelle sperren.

Ich konnte gerade mal sechs Schritte vorwärts gehen. Und es gab nichts außer einem kleinen Bett mit einem Rahmen aus Karton, einer Schaumgummi-Matratze, einem Eimer und einer Schüssel für die Bedürfnisse, einem Rohr, aus dem 15 Minuten täglich Wasser floss, sowie einem kleinen Fenster, das aus einer angekippten Eisenplatte bestand. Die Tür wurde nur geöffnet, um mich an die frische Luft zu bringen, allerdings in Fesseln, und gefesselt brachte man mich auch zum Arzt. Von Freitag bis Montag bin ich überhaupt nicht raus gekommen.

Blanca Reyes, seine Frau, durfte ihn nur einmal im Vierteljahr besuchen. Sie organisierte eine internationale Kampagne, weil sie ernsthaft um das Leben des Asthmakranken fürchtete. Nach Monaten wurde seine Situation etwas erleichtert: Er durfte endlich lesen und schreiben.

Sie ließen mich zwar schreiben, aber nur Liebesgedichte. Eine Kommission des Innenministeriums kontrollierte sie, und erst danach wurden sie Blanca übergeben. Ich habe auch sehr viel gelesen und dabei die Grammatik der spanischen Sprache studiert wie ein Schüler: Ich beherrsche jetzt problemlos die gesamte Metrik. Das war eine der Übungen, mit denen ich mich aufrecht erhielt.

Raúl Rivero war als Schriftsteller berühmt, bevor er als Dissident bekannt wurde. Unbestechlich sind seine Bestandsaufnahmen der Alltagswirklichkeit. Unbeugsam blieb er in der Haft.

Das Gefängnis war eine Übung in Bescheidenheit. Man kommt dem Tod so nahe und den Tragödien anderer. Das macht bescheidener und nachdenklicher und - wenn das auch etwas pompös klingt - etwas weiser und gelassener. Dadurch hat auch meine Poesie an Tiefe gewonnen. Viele Gedichte habe ich unfreiwillig angefangen. Sie wirken jetzt perfekter, und ich habe den Konversationsstil von früher, diese "Poesie der Äußerlichkeiten" - wie Ernesto Cardenal das nannte - aufgegeben zugunsten einer an der Metrik und dem Rhythmus der spanischen Klassik orientierten Poesie.

Gedichte aus dem Gefängnis heißt der Band, der in Kürze in Spanien erscheint und das poetische Ergebnis dieser 21 Monate hinter Gittern enthält. Heute ist allerdings noch ungewiss, ob er das Buch auch persönlich vorstellen kann. Er ist jedenfalls nach Madrid eingeladen und wartet auf das kubanische Visum.

Die Gelassenheit, die ich im Gefängnis gelernt habe, erlaubt mir, die Dinge etwas anders zu sehen und nicht nur unter dem Aspekt der persönlichen Erfahrung. Denn Aggressivität, Hass und Gewalt werden in unserem Land nichts lösen. Nur der Dialog und eine konstruktive Haltung können dazu beitragen, dass Kuba aus der Situation herauskommt, in der es sich schon so lange befindet.

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Moskito


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