Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen

03.04.2007 21:24
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#1 Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Schief und krumm
Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen: Warnung vor einem Dokfilm


Ein deutscher Dokumentarfilm über die kubanische Hauptstadt hat es zum Start in den deutschen Kinos gebracht: »Havanna – Die neue Kunst Ruinen zu bauen« (ohne Komma). Die Grundbedingungen für die Auswertung an den Kassen erfüllt der Film. Vorgeblich spart er alles Politische aus, beschränkt sich auf Ästhetik, Nostalgie, intellektuellen Snobismus. Tatsächlich macht er Propaganda, die die verbissensten Feinde der kubanischen Revolution zu begeistern imstande ist. Bei einer Vorführung in Miami jubelten die Exilkubaner.
Damit liegt der Film auf der Linie hiesiger Fördergremien. Auf dem bayrischen Filmfest wurde er als bester Dokfilm prämiert (siehe Rezension in jW vom 22. Juli 2006). Die Nominierung für den deutschen Filmpreis gab’s obendrauf. Das politische Kalkül der Filmemacher ist aufgegangen. Regisseur Florian Borchmeyer und Produzent Matthias Hentschler geben sich in öffentlichen Diskussionen aufreizend unbedarft, reden von »persönlichen Zugängen« zu zeitlosen Themen etc., abnehmen kann man das ihnen nicht. Sie haben die Produktionsfirma raros Media gegründet und eine ganze Stange Geld aufgetrieben, u. a. beim Schauspieler Peter Lohmeyer. Sie kennen Havanna, auch das durchsanierte Zentrum. Borchmeyer hat an der dortigen Uni studiert.
Was sie gefilmt haben, sind vier Ruinen, deren Bewohner und einen selbsternannten »Ruinologen«. Sonst nichts. Am Anfang wird ein verfallenes Haus abgeschwenkt. Dazu monologisiert der Schriftsteller und Ruinenexperte Antonio José Ponte. Er erklärt das heutige Havanna zum Venedig von Thomas Mann. Die bürgerliche Dekadenz, die er der ganzen Stadt bescheinigt, paßt besser auf seine Wohnungseinrichtung, aber Ponte wird in Kuba zensiert. Und das nimmt er persönlich. Gekränkte Eitelkeit ist es, die aus ihm spricht. Ungebremst setzt er sich als Bildungsbürger in Szene. Borchmeyer läßt ihn schwafeln, dazu werden Ruinen abgeschwenkt.
Tristesse und Melancholie im heutigen Havanna kontrastieren mit Archivaufnahmen aus »besseren Tagen«. Immer wieder tauchen Schwarz-Weiß-Bilder vom Havanna der 40er Jahre auf, machen zum Beispiel die Lebensfreude von Yachtbesitzern greifbar. Diese »besseren Tage« bleiben völlig unreflektiert. Aber das ist noch das geringste Übel. Paßt man genau auf, sprechen weder die Filmaufnahmen noch die Interviewpartner nur über den Verfall Kubas. Sie sei zwölf Jahre zur Schule gegangen, erklärt Ana Magdalena Bernal ganz selbstverständlich in ihrem kurzen Lebensrückblick. Heute wohnt sie vor den Toren der Stadt in der Plattenbausiedlung Alamar. Mit Blick aufs Meer. Um das überhaupt mitzubekommen, muß man den Film gegen den Strich lesen. Seine Botschaft ist eindeutig. Nach der xten Fassade, die ihren Glanz verloren hat, schlagen die Protagonisten deutlichere Töne an. Nicht das »glanzvolle« Havanna war dekadent, sagt Antonio José Ponte, das revolutionäre Kuba ist es.

Dann kommt der ehemalige Großgrundbesitzer Nicanor del Campo, der im Zuge der Revolution seine Ländereien verlor, zu Wort. Durch die Enteignungen sei ihm nur das Wohnhaus der elterlichen Finca geblieben, klagt er, samt Grundstück, das er nun selbst bewirtschaften müsse. Daß die Arbeiter vor der Revolution auf den Plantagen seiner Familie ausgebeutet wurden, bleibt unerwähnt. Daß nur wenige Kubaner in den prunkvollen Villen Havannas lebten, sehr viel mehr in einfachen Holzhütten, spielt ja auch keine Rolle. Schließlich wird hier dem Sozialismus der Schauprozeß gemacht.
Antonio José Ponte bringt die Pointe: »Um seine politische Macht zu legitimieren, sagt Fidel Castro ständig, wir befänden uns kurz vor einer Invasion der Amerikaner. Um diesen politischen Diskurs architektonisch zu legitimieren, muß die Stadt so aussehen, als sei sie schon überfallen und bombardiert worden. In diesem Sinne herrscht hier eine neue Kunst, Ruinen zu bauen.« Das ist der Titel des Films. Das ist auch seine einzige Erklärung für die vier Ruinen. Die wirtschaftliche Isolation des Inselstaates durch das Embargo bleibt als Ursache genauso unerwähnt wie die klimatischen Bedingungen. Hoffnung liegt einzig im Tod Fidel Castros und dem heißersehnten Zusammenbruch des Gesellschaftssystems.
Den Filmemachern sind übrigens auch ihre Protagonisten egal. Die würden vom Zusammenbruch am allerwenigsten profitieren. Ponte würde die Zensur des Marktes kennenlernen. Die einnehmendste Protagonistin, die junge Misleidys, will sich nach Demütigungen durch einen reichen Ehemann nie wieder für Geld krumm machen. Wie es ihr mit dieser Einstellung im Kapitalismus ergehen würde, schert die Filmemacher nicht. Sie haben auch keinen Kontakt mehr. Auf dem Filmfest München trafen sie eine Filmemacherin, die Misleidys noch kannte – nach einem Dreh in derselben Ruine. Was für ein Zufall! Borchmeyer lacht sich noch heute schief und krumm darüber.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/04-04/018.php

siehe auch Forumsbeitrag:
https://www.kubaforen.de/t516157f3613-Hab...ber-Pepino.html


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03.04.2007 21:32
#2 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Rey/Reina del Foro

Zitat von Garnele
Warnung vor einem Dokfilm

Keine Angst, ist ja bei der Klientel à la Chica tonta schon angekommen, die sich diesen Film keinesfalls angucken möchte, weil ja nicht sein kann was nicht sein darf.

--
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03.04.2007 22:04
avatar  Socke
#3 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Ruinen in Havana? Das wüsste ich aber!

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03.04.2007 22:05
avatar  Ernesto ( gelöscht )
#4 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Ernesto ( gelöscht )

Zitat von Garnele
Tatsächlich macht er Propaganda, die die verbissensten Feinde der kubanischen Revolution zu begeistern imstande ist.

Ich gebe zu, dass ich bisher Garnele und die "Junge Welt" nicht so recht ernst genommen, mich allerdings auch nicht allzu sehr mit ihnen auseinandergesetzt habe.

Aber diesen liebevoll gemachten Film, mit seinen liebevoll behandelten Darstellern als "Propaganda" sehen zu können, sorry das geht in meinen Kopf nicht rein.

Ihr lebt doch in einer anderen (irrealen) Welt!

Merkt ihr noch was? Vielleicht, dass ihr Euch absolut lächerlich macht?


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03.04.2007 22:15
avatar  dirk_71
#5 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Rey/Reina del Foro

In Antwort auf:
Ihr lebt doch in einer anderen (irrealen) Welt!

Merkt ihr noch was? Vielleicht, dass ihr Euch absolut lächerlich macht?


Der Film passt halt nicht in die rosarote Realität der Junge Welt oder auch von Garnele

Nos vemos
Dirk

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03.04.2007 22:18
avatar  Ernesto ( gelöscht )
#6 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Ernesto ( gelöscht )

Zitat von Garnele
Sie haben auch keinen Kontakt mehr. Auf dem Filmfest München trafen sie eine Filmemacherin, die Misleidys noch kannte – nach einem Dreh in derselben Ruine. Was für ein Zufall! Borchmeyer lacht sich noch heute schief und krumm darüber.



Ja klar, und Jan Ulrich hat nie gedopt...


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03.04.2007 22:20
avatar  Socke
#7 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Top - Forenliebhaber/in

Gibt es den Film irgendwann auf DVD? Ich möchte da gern zwei oder drei von kaufen.

----
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03.04.2007 22:39 (zuletzt bearbeitet: 03.04.2007 22:39)
avatar  derhelm
#8 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Forums-Senator/in
Zitat von Ernesto
Ja klar, und Jan Ulrich hat nie gedopt...


Der ist gut. Man beachte den Namen des Autors des JW-Artikels:

Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen: Warnung vor einem Dokfilm
Von Jan Ullrich/Alexander Reich

"In the poker game of life, women are the rake."

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03.04.2007 23:06
#9 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Rey/Reina del Foro

In Antwort auf:
Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen: Warnung vor einem Dokfilm
Von Jan Ullrich/Alexander Reich



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03.04.2007 23:56 (zuletzt bearbeitet: 03.04.2007 23:59)
#10 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Rey/Reina del Foro
Vielleicht ist der hier
In Antwort auf:
Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen: Warnung vor einem Dokfilm
Von Jan Ullrich/Alexander Reich

ja ein Verwandter von dem hier
Otto Reich

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05.04.2007 16:15
avatar  pepino
#11 RE: Havanna und die neue Kunst, mit Ruinen Politik zu machen
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Top - Forenliebhaber/in

hier noch ein schöner leserbrief:

Leserbriefe
Feindselige Haltung

Leserbrief zu dem Artikel Schief und krumm vom 04.04.2007:

Dieser Film ist ein Ausdruck der Haltung der Bundesrepublik und der EU zu meinem Land. Das, was wirklich wichtig ist, was erreicht wurde in den letzten 48 Jahren der Revolution, spielt keine Rolle - dafür einige noch nicht sanierte Häuser.
Zum Glück hat bei uns in Havanna jeder ein Dach über den Kopf. Anders hier in Hamburg! Und zum Glück hat in Kuba auch jeder zu essen, Zugang zu Bildung und ein kostenloses Gesundheitswesen! Dieser Film setzt die Revolution und ihre Menschen herab. Wir Kubaner sind stolz auf alles, was wir bisher erreicht haben.
Silvia Perez Suarez


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