Cuba libre bittersüß

01.11.2004 11:47 (zuletzt bearbeitet: 01.11.2004 11:48)
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#1 Cuba libre bittersüß
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Rey/Reina del Foro

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Cuba libre bittersüß

VON THOMAS ZWICKER
FOTOS: GERALD HÄNEL

Der wichtigste internationale Flughafen, die meisten ausländischen Urlauber, die besten Hotels: In Varadero gibt es nichts, was es nicht gibt. Allerdings nur für Gäste mit harten Dollars – Kubaner kommen höchstens zum Arbeiten ins Paradies

Nach elf Stunden Transatlantikflug hat keiner mehr das Zeug zum
Helden. Vor der Erholung am Meer steht aber die Einreise auf Varaderos internationalem Flughafen Juan Gualberto Gómez: schwitzende Flachbauten 20 Kilometer von Kubas Traumstrand entfernt, vier Schläuche für randvolle Chartermaschinen, im Schatten des Towers döst eine antike Propellermaschine. Zwölf ausgelaugte Warteschlangen stauen sich vor zwölf Passkontrollen, ein Bataillon „Viva Cuba libre“-Luftballons baumelt von der Hallendecke herab. Draußen werden die Reisenden von süßer Tropenluft umfangen.

Der Mann hinterm Tresen der Autovermietung verzehrt erst mal gelassen sein gebratenes Hühnerbein, bevor er zur Sache kommt: „Sie müssen noch eine Tankfüllung kaufen, macht 40 Dollar, cash bitte.“ Kein Problem. Beim Losfahren steht die Tanknadel des verbeulten Daewoo-Kleinwagens auf voll. Nach zehn Kilometern steht sie auf halb. Beim Einfahren nach Varadero wird sie auf leer stehen. Bienvenido, willkommen in Kuba.

Steckbrief Varadero: 20 Kilometer lange und maximal 700 Meter breite Halbinsel, wird auch Hicacos genannt. Mit 12635 Hotelzimmern und 726000 Reisenden (2001) eines der größten Karibikziele, Kubas Urlauberort Nummer eins.

Hinterm Airport winkt die Tramperin Fleurie, 18 Jahre jung, ein strahlendes Gesicht unter sorgsam ausrasierten Augenbrauen. Fleurie kommt gerade von einem Seminar für Zahnarzthelferinnen aus dem benachbarten Matanzas und will heim nach Varadero. „Ich verdiene ungefähr sieben Dollar im Monat, aber der Job macht Spaß, und unsere Zahnärzte arbeiten sehr gut“, sagt sie zufrieden und versteift sichtlich, als wir uns der Mautkontrolle am Ortseingang von Varadero nähern.

Ausländer müssen hier zwei Dollar abliefern, Kubaner oft ihren ganzen Stolz und ihre Würde. Denn ins Urlauberparadies darf nur rein, wer schon immer in Varadero wohnt (wie Fleurie und 15 000 andere Kubaner) oder nachweislich dort arbeitet. Schwarz bebrillte rote Sheriffs winken Busse und Leihwagen mit T(ouristen)-Kennzeichen gütig durch, schedderige kubanische Lada und Chevy bleiben hängen. „ER will eben nicht, dass Urlauber hier belästigt werden“, meint die junge Arzthelferin und zeigt Verständnis für die restriktiven Maßnahmen ihres Máximo Líder. Jineteras, leichte Mädchen auf der Suche nach einem Papirriqui con Guaniquiqui (Zuckerdaddy mit Dollars), sind in Varadero tatsächlich seltener geworden. Dafür fiel eine Errungenschaft der Revolution dem Tourismus zum Opfer.

Steckbrief Varadero: Vor der Revolution war die Halbinsel fast in Privatbesitz von Industriebossen, Politikern und Mafiosi. Nach 1959 öffnete Fidel Castro per Gesetz 270 alle Strände dem Volk. Seit der Wirtschaftskrise müssen Genossin und Genosse nun wieder draußen bleiben, denn: „Tourismus ist Gold“.

Als größte, 20 Kilometer lange Goldader rieseln Varaderos Strände um blasse Urlauberfüße, zuverlässig von karibischer Sonne beschienen. „Überall sonst in Kuba war der Sand aus geraspeltem Silber, doch in Varadero war er auch noch mit Diamantstaub vermischt“, heißt es in einem Buch von Roberto Fernández, was Wissenschaftler mit einer megafeinen Körnung von 0,17 Millimetern erklären. Pelikane segeln darüber hinweg, das Meer glänzt und schimmert in Anilin, Indigo, Kristall und Preußischblau. Unter Palmen und Meertrauben stehen Strohschirmchen, kühle Getränke werden gereicht.

Die gesamte nordöstliche Hälfte der Halbinsel ist ein Hotelstrip im Stil von Cancún oder Miami Beach, nur dass auf der vierspurigen Autopista sur schon mal ein Gärtner samt Handkarre die Überholspur blockiert und lokale Busveteranen die Luft verpesten. Zwischen Palmen und Golfplatz, Naturschutzgebiet und Yachtclub wurden große Beachresorts gesetzt, meist in bunter Brachial-Architektur wie aus einem Legobaukasten für Riesen. Mit Vier- oder Fünf-Sterne-Komfort, dicken Frotteehandtüchern, Pools & Gym und CNN und Deutscher Welle über Satellit.

Und die meisten besser bewacht als Fort Knox. Wer verschwitzt in eine kühle Hotelhalle treten will, wird von grimmigen Wachposten gestoppt. Strandläufer, die für einen Drink zur Poolbar streben, gehen sonnenbebrillten Zerberussen ins Netz. Denn fast alle großen Hotels sind All-inclusive-Anlagen, und da darf nur rein, wer den passenden Sesam-öffne-dich in Form eines kodierten Plastikarmbands ums Handgelenk trägt. Dieser vorab bezahlte Schlüssel zum Urlauberglück wird beim Einchecken in einer feierlichen Geste umgelegt, in allen Lebenslagen mitgeführt und bewirkt, dass für den Träger rund um die Uhr Milch und Honig (beziehungsweise Rum und Daiquirí) fließen.

Gut gefüllte Büfetts mit Bergen von Gegrilltem und Gebratenem in einem Land, das für die Mohrrübe Schlange steht – all inclusive. Drinks am Liegestuhl unter Palmen, serviert von Kellnern, die im früheren Leben Jetpilot oder Veterinärmediziner waren – im Preis schon mit drin. Sport mit heimischen Animateuren, die mit der Anmut von Raubkatzen Polonäse tanzen – Armband macht’s möglich. Merengue- und Salsa-Sound von studierten Musikern, die mit Guantanamera weit unterfordert sind – für kluge Vorabzahler ist das in Varadero total normal.

Steckbrief Varadero: Jobs in den Hotels der Halbinsel sind heiß begehrt: Mit 250 bis 400 Pesos (10–15 Dollar) liegt der Lohn überm Durchschnitt und lässt sich durch Dollar-Trinkgelder vervielfachen. Daher sind viele Angestellte überqualifiziert.

Nur manchmal wirkt der All-inclusive-Segen plötzlich ganz fad: wenn andersfarbige Armbänder mehr können. Rot wispert neidisch, dass die Gelben vom Nachbarhotel brandneue Jetski haben sollen (wir nicht!). Bei Blassblau gibt’s dafür dem Vernehmen nach Hummer auf dem Büfett, und zwar täglich und satt. Was k(aum)ein Varadero-Urlauber weiß, beklagen Verbraucherverbände: All inclusive ist kein geschützter Begriff. Wer Neidattacken vorbeugen will, sollte daher den Leistungsumfang im Kleingedruckten studieren. Und: Vor Ungemach wie „natürlichen Emissionen benachbarter Einheimischen-Häuser“, gegen die ein Urlauberpaar aus Bayern jüngst Klage erhob, sind selbst All-inclusive-Gäste nicht gefeit. So entschied das Amtsgericht Nürnberg. Die Welt kann verdammt hart sein.

Damit sie für Varadero-Reisende stets rosa- statt kubarot ist, mühen sich Männer wie Christian Schulz rund um die Uhr. Der blonde Braunschweiger ist Food & Beverage Manager und damit die Nummer zwei in einem der LTI-Hotels vor Ort, nicht mal 30 Jahre alt und schon mit reichlich Erfahrung gesegnet. Was ihm das Leben in Kuba so viel schwerer macht als in Hongkong, Bahrain oder Hurghada? Das Phlegma des Socialismo tropical, die zähe Versorgungslage. „Alle Lebensmittel, alle Gebrauchsartikel müssen über staatliche Lieferanten bezogen werden, die das meiste importieren – wenn genügend Devisen im Staatssäckel sind“, sagt Schulz.

Das Labyrinth der Kühlräume, mit Temperaturen von bis zu 25 Grad minus Folterkammern für sonnenverwöhnte kubanische Küchenarbeiter, ist eher mager gefüllt. „Fisch und Fleisch kommen tiefgefroren aus Kanada – oder auch nicht. Lachs liefert Chile, Wein und Likör Spanien – oder eben nicht. Geschirr stammt aus England, und es dauert zwei Monate, bis neues eintrifft. Ein Kilo Tomaten kostet auf dem hiesigen Markt 50 Cent, wir kriegen’s über offizielle Stellen nur für das Fünffache – oder halt gar nicht.“ Kuba steuert für das leckere All-inclusive-Büfett vornehmlich Grundlegendes bei wie Rum und Eier, Letztere aus Freilandhaltung, weil Legebatterien in der Anschaffung zu teuer wären (da profitieren glückliche Hühner von der misslichen Wirtschaftslage). Küchenchef René Vidal, ein kleiner Franzose mit raschem Napoleon-Schritt, muss oft improvisieren. Kein Tomatensaft – lässt er halt selbst welchen pressen. Kein Hackfleisch fürs Chili – wird die mexikanische Nacht eben zur vegetarischen umfunktioniert. Doch es gibt Grenzen: „Seit einmal zwei Wochen keine Minze für die Mojitos zu kriegen war, bauen wir selbst welche an“, sagt Schulz. Sicher ist sicher.

Die Urlauber, so der Hotelmanager, sind bei Engpässen geduldiger als in anderen Ländern, nehmen Kubas wirtschaftliche Not also auch aus der behaglichen Sicherheit ihrer Hotelfestung zur Kenntnis, bedingungslose Solidarität bei Hurrikan all inclusive. „Als letzten November Michelle tobte, haben wir Liegen und Sportgeräte in den vollen Swimmingpools verstaut, die schwere Holzbar flog später von selbst hinterher. Die Gäste mussten stundenlang auf den Hotelgängen sitzen, weil in ihren Zimmern die Glasscheiben zu Bruch gingen. Anderntags haben dann alle bei reichlich Champagner ohne zu murren wieder mit aufgeräumt.“

Steckbrief Varadero: Hurrikan-Zeit ist zwischen August und November; die Wirbelstürme richten oft große Zerstörung an und tragen Varaderos Strand ab. Wegen eines guten Frühwarnsystems kommen aber selten Menschen zu Schaden.

An einem normalen Strandtag ist kein Platz für Gedanken an teure Tomaten und fliegende Poolbars. Weicher Sand kräuselt sich flach unter Ozeanwellen, viel Platz zum Laufen zwischen den Hotels, kaum Händler, keine Anmache. Sperrbezirk Varadero ist karibisches Wohlfühlland. Boote flitzen durchs glasklare Nass, kreischende Kids reiten die Gummibanane. Dann ein Auflauf, zehn, zwölf Urlauber gucken erregt aufs Meer: ein kubanischer Fischer! Stoisch hält der Alte sein Netz, bis zu den mageren Oberschenkeln im Wasser, wie vom Tourismusminister hingestellt im Dienste der Revolution.

Dass Varadero in Kuba liegt, beweist auch Downtown im Süden der Halbinsel, wo 15 000 Einheimische links und rechts der breiten Avenida Primera leben. Kleine, saubere Hotels, in denen Doppelzimmer ab 50 Dollar zu haben sind. Flache Holzhäuser unter Palmen, vor denen alte Kubaner im Schaukelstuhl sitzen und rostige Chevy und Käfer hochgebockt sind. Dazwischen haben Kinder ihren Domino-Tisch aufgebaut, sortiert ein Schuhmacher unterm Sonnenschirm Feilen und Zangen. Rausgeputzte Kutschen gehen auf Kundenfang, Mädchen, deren hautenges Outfit in einen Briefumschlag passen würde, werfen verstohlene Blicke.

In staatlichen Lokalen wie dem Bodegón Criollo essen Urlauber, die nicht all inclusive gebucht haben, für eine Hand voll Dollar Meeresgetier (Kuba ist nach Australien zweitgrößter Exporteur für Langusten). „Die nächsten drei Monate muss ich in einem Krankenhaus Essen servieren, das gehört zur Ausbildung an der Hotelfachschule“, trauert die junge Kellnerin, die dann aufs Trinkgeld verzichten muss. Sie will diesem Ärger auf kubanische Art begegnen: heute Nacht abtanzen in der Disco La Rumba. Die 10 Dollar Eintritt (mancherorts werden sogar Euros akzeptiert), mehr als ihr Monatsgehalt, wird ein spendabler Gast übernehmen. Dafür sind dann alle Drinks frei. Ein Dorado für Alkoholiker.

Wer ein Hotelzimmer mit Frühstück in der Nähe von Downtown mietet, kann in Varadero hervorragend Urlaub machen. Die Strände sind auch in Ortsnähe astrein. Und man kann die Ferienmetropole gut als Basislager benutzen. 40-jährige russische Antonow-Doppeldecker der Aerotaxi mit 9-Zylinder-1000-PS-Sternmotor starten von einem abgesperrten Teil des stillgelegten, alten Varadero-Airports aus zu Tagesflügen nach Trinidad und Cayo Largo. Havanna ist kaum zwei Bus- oder zwei bequeme Leihwagen-Stunden entfernt. Und in gut 15 Autominuten ist man im Nachbarstädtchen Cárdenas – und damit in einer anderen Welt.

Hier ist Schluss mit keimfrei Kubaland. An schwefeligen Ölraffinerien vorbei führt der Holperhighway vierspurig in einen 75 000-Seelen-Ort, der noch hart unter dem Erbe der stürmischen Windsbraut Michelle leidet. Bahnhofs- und Hafengebiet der Zuckerrohrstadt sehen aus wie ein einziger Kollateralschaden. Rostige Leichenteile von Fabrikhallen und Gerät liegen herum, mitten im Chaos qualmt trotzig der Schornstein einer Rumdestille. Mürbe Pferdekutschen auf bürgersteiglosen, staubigen Straßen dienen nicht der Gaudi der hier seltenen Spezies namens Touristen, sondern als alternatives Transportmittel zum Fahrrad, denn Autos fahren in dieser Stadt sowieso kaum.

Trotzdem (oder gerade deshalb) ist das Leben auf den Straßen gelassen. Zwischen alten, von Salpeter zerfressenen Prachtbauten einstiger Zuckerbarone. In der Markthalle, deren Schönheit im Kontrast zum dürren Angebot steht. Beim genüsslichen Keifen und Streiten rundweicher Mulatas. Und wer dann wieder in Varadero in sicherer Nähe von Pool und Frotteehandtuch seinen tropischen Drink schlürft, dem formt sich langsam ein komplexeres Kubabild. Karibischer Zauber und Zorn, all inclusive innerhalb weniger Kilometer. Ein irrer Spagat, bei dem manchmal sogar die Staatsgewalt menschelt.

Ausreise am internationalen Flughafen Juan Gualberto Gómez: Warten, bis der Leihwagenchef sein Huhn verspeist hat und das Auto zurücknimmt. Warten, bis ein plaudernder Kellner den mittlerweile kalten Abschiedskaffee serviert. Warten an einem von zwölf Passkontrollschaltern, was diesmal besonders lange dauert. Der Grenzbeamtin am Tresen wird nämlich von einer Kollegin sorgsam der Pony geschnitten: den rosaroten Kamm durchgezogen, einen Spritzer Duftwasser drauf, fertig. Zwei zufriedene Mädchenaugen strahlen den Reisenden an. Kuba kann sogar in Uniform lächeln.


http://www.adac-verlag-gmbh.de/magazine/...en/varadero.php
Moskito


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01.11.2004 15:21
avatar  ( Gast )
#2 RE:Cuba libre bittersüß
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( Gast )

Moskito, danke für die drei Artikel. Die sind ja alle drei so super schnulzig romantisch geschrieben, dass ich mir das Heft sofort kaufen werde. Wichtig ist natürlich, dann NICHT nach Cuba zu reisen. Nur so kann man seine Träume bewahren.

Ich Ras, Ras Putin. First name Ras, second name Putin.
Vladimir meine kleine Bruder


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01.11.2004 16:35
avatar  roncubanito ( gelöscht )
#3 RE:Cuba libre bittersüß
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roncubanito ( gelöscht )

Heft Nummer 70 - Sept/Okt. 2002

Habe das Heft hier - also schon ziemlich alte Kamelle.


Dirás que soy un soñador pero no soy el único


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01.11.2004 16:40 (zuletzt bearbeitet: 01.11.2004 16:40)
avatar  Moskito
#4 RE:Cuba libre bittersüß
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Rey/Reina del Foro

In Antwort auf:
Moskito, danke für die drei Artikel
Nix zu danken.

"Just For Entertainment" ...

Moskito


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