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Helden mit Halbwertzeit
30.01.2005 21:48

Helden mit Halbwertzeit

Brasiliens Präsident Lula war bisher Star des Weltsozialforums – der neue Hoffnungsträger heißt Chavez

Von Philipp Lichterbeck, Porto Alegre

Mit einem politischen Karneval endet an diesem Montag das fünfte Weltsozialforum (WSF) im südbrasilianischen Porto Alegre. Die 120 000 Teilnehmer aus 122 Ländern wollen durch die 1,4-Millionen- Einwohner-Stadt ziehen, um ihrer Forderung „Eine andere Welt ist möglich“ Nachdruck zu verleihen. Das Weltsozialforum, das 2001 als Widerpart zum Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet worden war, ist zu einer Art Messe der globalisierungskritischen Bewegung geworden. Die Ausmaße sind gigantisch: Auf einem 400-Hektar-Areal entlang der Bucht von Porto Alegre präsentierten sich 5700 Nichtregierungsorganisationen. In den über 2000 Seminaren und Workshops ging es um Bildung, Menschenrechte, Entmilitarisierung oder den Erhalt kultureller Vielfalt. Neben dem Nobelpreisträger für Literatur José Saramago und dem Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel traten der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano, der italienische Philosoph Toni Negri und Brasiliens Kulturminister Gilberto Gil auf.

Allein schon durch seine Größe wirkt das Forum unübersichtlich. Dies kann jedoch nicht über die Orientierungslosigkeit der globalisierungskritischen Bewegung hinwegtäuschen. Die Verwirrung lässt sich vor allem an der kurzen Halbwertzeit der Helden ablesen. Feierte man vor zwei Jahren noch den frisch gekürten brasilianischen Präsidenten Inácio „Lula“ da Silva als neuen Hoffnungsträger, so war sein Name dieses Jahr kaum zu vernehmen. Der Vorwurf lautet, dass Lula seine Versprechen, Armut, Landlosigkeit und Hunger zu beseitigen, nicht einhalte. Seine Gegner werfen ihm vor, die neoliberale Politik seines Vorgängers Enrique Cardoso fortzusetzen. In Brasilien hat sich trotz beachtlicher wirtschaftlicher Wachstumsraten an der sozialen Misere auch unter Lula nichts geändert. Immer noch lebt ein Fünftel der 170 Millionen Brasilianer in absoluter Armut. Lulas Erscheinen auf dem Forum wurde mit Gleichgültigkeit quittiert. Zwar rief er vor 12 000 Menschen eine „Globale Initiative zum Kampf gegen die Armut“ aus – die er anschließend auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorstellte –, doch die große Mehrzahl der Zuschauer waren ohnehin eingefleischte Anhänger von Lulas Arbeiterpartei PT.

Den Platz des Hoffnungsträgers hat Lulas Freund Hugo Chávez eingenommen. Anders als Lulas Erscheinen wurde der Auftritt des Präsidenten von Venezuela auf den Straßen rund um das Forum groß plakatiert. Chávez' „Bolivarianische Revolution“ drückt die Sehnsucht vieler Globalisierungskritiker nach einer kompromisslosen Politik aus. Kaum eine Woche vergeht, in der Chávez nicht George Bushs „imperialistische Gelüste“ in Lateinamerika geißelt. Außerdem hat er eine weit reichende Landreform begonnen. Am Rande des Weltsozialforums kam er mit Vertretern der brasilianischen Landlosen zusammen. Chavez unterstützt auch Kuba mit Öl. Im Austausch schickt Fidel Castro Lehrer und Ärzte. Auf dem Weltsozialforum demonstrierten Venezuela und Kuba in einem gemeinsamen Pavillon Solidarität. Chávez' Rede ist der letzte große Programmpunkt des Forums.

http://www.tagesspiegel.de/politik/index...005/1620919.asp

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